Die Araber vor dem Islam

Die Araber vor dem Islam

In der islamischen Tradition wird die vorislamische Zeit auf der arabischen Halbinsel als „Dschâhiliyya“ bezeichnet, was so viel wie „ Zeit der Unwissenheit“ oder „Zeit der Barbarei“ bedeutet und sich auf die Zustände bezieht, die auf der arabischen Halbinsel vor der Verbreitung des Islams geherrscht haben.



Sie ist gekennzeichnet von Ungerechtigkeit und der Unterdrückung der Schwachen durch die Starken. Im engeren Sinne handelt es sich bei diesem Zeitabschnitt um die prophetenlose Zeit zwischen dem Propheten Jesus (as) und Muhammad (saw). Im Folgenden soll auf einige Aspekte dieser Zeit eingegangen werden.

Die Bezeichnung „Araber“ („Âribî“) tauchte zum ersten Mal in einer Siegesinschrift des assyrischen Königs Salmanassar III. aus dem Jahre 853 v. Chr. auf. Aus dieser Inschrift geht hervor, dass die Koalition von syrischen Kleinkönigen, die den Assyrern über Qarqar eine Schlacht lieferte, durch ein Kontingent von tausend Kamelreitern des Königs Gindibu, des Königs der Araber bzw. Âribî, unterstützt wurde.

Im Laufe des 8. und 7. Jahrhunderts v. Chr. werden weitere Könige und Königinnen der Araber in den Inschriften der Assyrischen Könige erwähnt. Diese arabischen Könige und Königinnen finden meistens Erwähnung als tributpflichtige Vasallen und als Hilfstruppen der Assyrer. Laut den assyrischen Inschriften schienen die Araber nomadische Verbände gewesen zu sein, die in der syrischen Wüste, also in den Gebieten des heutigen Palästina/Jordanien, Syrien und Irak – im inneren Rand des Fruchtbaren Halbmondes – gelebt haben. Die Inschrift von Salmanassar III. zeigt, dass ihr Name von Anfang an mit der Verwendung des Dromedars verknüpft wurde. Das Dromedar ermöglichte den Arabern ein Leben in der „Bâdiya“ (Wüstensteppe). Demnach wurde der arabische Kamelnomade nach der Wüstensteppe „al-Bâdawî“ genannt.

Altarabische Sprache und Dichtung

Im 6. Jahrhundert n. Chr. haben sich drei Merkmale im Norden der Arabischen Halbinsel entwickelt, die für das Arabertum grundlegend wurden. Darunter fallen die nordarabische Sprache sowie die arabische Schrift, die sich aus dem Nabatäischen entwickelte und vor der islamischen Zeit in Nordarabien allgemein in Gebrauch getreten war. Das dritte Merkmal ist die altarabische Poesie.

Die arabische Sprache tritt im 6. Jahrhundert nach Christus unvermerkt mit der hochentwickelten Poesie auf. Die Wissenschaft hat deshalb keine explizite formative Phase für deren Anfang bestimmen können.

Allgemein hat die Dichtung ihren Ursprung im tribalen Bereich. Der „Schâir“ (Dichter) ist ein Repräsentant seines Stammes und seiner Sippe. Seine Aufgabe ist es, den Stamm seiner Feinde zu schmähen und seinen eigenen Stamm anhand seiner Dichtung zu rühmen. Inhalte wie Lob und Tadel bilden Hauptelemente der „Kasîde“ (Gedicht), die aus einem guten Dutzend komplizierter und quantitierender Versmaße (d. h. einer Abfolge von kurzen und langen Silben) besteht. Diese Vielfalt gab es zu dieser Zeit in keiner weiteren semitischen Sprache des fruchtbaren Halbmondes. Die „Kasîden“ geben Auskunft über vergangene Erlebnisse und Informationen über diverse Stämme. Sie wurden von der einen Generation zur anderem überliefert und hatten mehrere Überlieferer.

Die Dichter des 6. Jahrhundert n. Chr. waren selbstbewusste Individuen, die eine eigenständige dichterische Existenz geführt haben. Trotz der Tatsache, dass die Stämme ihre eigenen Dialekte sprachen, schufen die Dichter ihre eigene Hochsprache und diese wurde dann wahrscheinlich partout verstanden.

Auf Jahrmärkten, die an verschiedenen Orten auf der arabischen Halbinsel stattfanden,  wie zum Beispiel in Ukâz bei Mekka, stellten sich sie Dichter dem Wettbewerb mit Konkurrenten und rezitierten ihre Gedichte.

Während der Zeit der Jahrmärkte herrschte verbindlicher Waffenstillstand, der von allen Stämmen eingehalten wurde. So konnte man ungehindert auf der arabischen Halbinsel reisen. Außerdem gehörten zu weiteren Treffpunkten der Dichter die Heiligtümer verschiedener Götter. Die Kaaba, damals ein würfelförmiges Gebäude, das dem Gott Hubal geweiht worden war, stellte einen weiteren Treffpunkt dar.

Im Allgemeinen wurden durch die Pilgerfahrten (Hadsch) und die Jahrmärkte überregionale Beziehungen zwischen den auf der arabischen Halbinsel lebenden und verstreuten Stämmen geschaffen. Zu dieser Verbindung kam auch noch die Verbindung über die Handelskarawane – und zwar über die Weihrauchstraße vom Jemen nach Syrien. Die Weihrauchstraße verlief vom Indischen Ozean bis zum Mittelmeer.

Von diesen Handelsmöglichkeiten lebten auch die Kurayschiten, der Stamm, dem auch der Prophet angehörte. Diese Lebensweise findet sogar Erwähnung im Koran: „Auf dass die Kuraysch (zu ihrer Sicherheit) zusammenhalten; zusammenhalten bei ihren Winter- und Sommerkarawanen! So mögen sie dem Herrn dieses Hauses dienen, der sie mit Nahrung gegen den Hunger versieht und sie sicher macht vor (Anlässen zur) Furcht.“ (Sure Kuraysch, [106:1-4])

Gottheiten auf der arabischen Halbinsel

Es ist bekannt, dass die Gottheiten, die auch in der Heimat der Kurayschiten angebetet wurden, als Steine, Holz oder als Bäume erscheinen, und dass deren Rauschen als Zukunftsdeutung angesehen wurde. Die Gottheiten konnten demnach auch ziemlich einfacher Natur, etwa primitive Statuen, sein. Bestimmte Stämme verfügten über Heiligtümer bestimmter männlicher und weiblicher Götter und verehrten diese. Diese konnten jedoch auch von anderen Stämmen verehrt werden. Für die Pflege der Heiligtümer waren bestimmte Sippen verantwortlich.

Der Hauptgott der Kurayschiten in Mekka war „Hubal“, der auch unter dem Namen „Allah“ bekannt zu sein schien. Er deutete an der Kaaba durch das Werfen von Lospfeilen die Zukunft. Ihm stand die Göttin „al-Lat“ zur Seite. Ihr heiliger Bezirk befand sich in der Nähe von Taif. Die Schicksalsgöttin „Manât“ war verkörpert in einem Schwarzen Stein an der Straße von Mekka nach Medina. Die 4. Göttin „al-Uzza“ wurde in drei Bäumen in Nachla östlich von Mekka verehrt.

Dichtung, Handel und Götterverehrung waren somit die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung des vorislamischen Arabiens. Trotzdem kann für die Zeit vor dem Propheten Muhammad (saw) von keiner weitergehenden politischen Ordnung gesprochen werden. Unverkennbar für die arabische Halbinsel war die tribale Gesellschaftsordnung. Nicht nur die Nomaden gliederten sich nach Stämmen, Unterstämmen oder Sippen, sondern auch die sesshaften Städter und Bauern. Beispielweise bestand die Bevölkerung in Mekka aus den Mitgliedern des Stammes der Kuraysch, der sich wiederum in mehrere Sippen gliederte. Unter diesen Sippen befinden sich die mächtigen Mahzûm, Abd Schams sowie die weniger einflussreiche Sippe Banû Hâschim, zu der die Vorfahren des Propheten gehören.

Die Zeit der Dschâhiliyya

Im Gegensatz zur Dschâhiliyya steht der Islam als die Zeit der Erleuchtung und der Rechtleitung (Hidâya). Im Koran finden wir hierzu:

Und haltet euch zu Hause auf. Und stellt euch nicht zur Schau wie in der früheren Zeit der Unwissenheit. Und verrichtet das Gebet. Und entrichtet die Steuer. Und gehorcht Allah und seinem Gesandten. Siehe, Allah will euch von jedem Übel bewahren, o Leute des Hauses, und euch völlig reinhalten.“ (Sure Ahzâb, [33:33])

In der Zeit der Dschâhiliyya erwarb ein Mann an Ansehen durch seine Männlichkeit. Dieser Begriff beinhaltet Charaktereigenschaften wie Mut und Freigebigkeit. Der Mut wird über die Anzahl der getöteten Feinde zur Schau getragen. Unter der Freigiebigkeit versteht man die Gastfreundlichkeit, die Hilfsbereitschaft gegenüber Bedürftigen und die Teilnahme an Kämpfen ohne finanzielle Hintergedanken.

Charakteristisch für die Araber von damals war, dass sie sehr viel Wein konsumierten. Es wurde in der Gesellschaft als ehrenvoll gewertet, dass der Araber so lange in der Weinschenke blieb, bis der Wirt sich gezwungen sah, einzugreifen, da ihm sonst der Weinvorrat ausgehen würde. Im Gegensatz dazu wurden aber die Trinksucht und die Trunkenheit verpönt und nicht gerne gesehen. Ein Mann musste sich demnach beherrschen können und durfte sich keine Ohnmacht erlauben.

Die Frauen verfügten kaum über Rechte, die ihnen Schutz gewährten. Sie durften ohne jeglichen Grund verstoßen werden und waren demnach schutzlos. Mit dem Islam führte der Prophet Rechte in der Ehe ein. Eins dieser Rechte war die Forderung des Brautgeldes von dem zukünftigen Ehemann. Der Betrag des Brautgeldes konnte von der Frau selbst bestimmt werden. Diesbezüglich finden wir im Koran den Vers:

Und gebt den Frauen ihr Brautgeld wie ein Geschenk. Und wenn sie euch etwas davon aus freien Stücken erlassen, so genießt es nach Belieben und ohne Bedenken. (Sure Nisâ, [4:4]) und

Scheidet ihr euch von ihnen zwar, bevor ihr sie berührt habt, hattet ihnen aber ein Brautgeld ausgesetzt, dann zahlt die Hälfte von dem, was ihr ausgesetzt hattet, es sei denn, sie verzichten oder der, in dessen Hand der Ehebund ist. Der Verzicht steht aber der Frömmigkeit näher. Und vergesst nicht die Güte gegeneinander. Siehe, Allah sieht, was ihr tut. (Sure Bakara, [2:237])

Außerdem war vor der Verkündung des Islam die gleichzeitige Ehe mit zwei Schwestern erlaubt und die Ehe mit der Stiefmutter konnte ohne weitere Konsequenzen durchgeführt werden.

Eine weitere Sitte auf der arabischen Halbinsel war, dass neugeborene Töchter, aus finanziellen Gründen, lebendig begraben wurden. Es waren explizit nur Mädchen von dieser Praxis betroffen, da Jungen das Ansehen der Familie als männliche Nachkommen in der Gesellschaft steigerten. So wurde der Stamm durch männliche Nachkommen aufgewertet. Im Koran finden wir eine Anspielung auf diesen Akt der Tötung bezüglich der weiblichen Säuglinge:

Und wenn das lebendig begrabene Mädchen gefragt wird, um welcher Schuld willen es getötet wurde,… (Sure Takwîr, [81:8-9]).

Diese Tradition wurde in der islamischen Zeit – wie viele andere Sitten und Gebräuche aus vorislamischer Zeit – aufgehoben:

Und tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Verarmung. Wir werden sowohl sie wie euch versorgen. Sie zu töten ist wahrlich eine große Sünde. (Sure Îsra, [17:31])

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zeit der Dschâhiliyya auf der arabischen Halbinsel bezüglich der sprachlichen Kompetenz vieles zur Gesellschaft beigetragen hat und dass das Arabische von damals sich zu einer Hochsprache entwickelt hat, die auch in unserer Zeit verwendet wird. Doch diese fortgeschrittene Entwicklung in dem künstlich-literarischen Bereich blieb nur im Bereich der Sprache und nicht in dem der Gesellschaft, in der etwa Frauen und anderen schutzlosen Menschen das Leben schwer gemacht wurde.


Literatur:

– Walther,  Wiebke: Kleine Geschichte der arabischen Literatur: Von der vorislamischen Zeit bis zur Gegenwart; C.H. Beck, 2004, München

– Halm, Heinz: Die Araber: Von der vorislamischen Zeit bis zur Gegenwart, C.H. Beck, 2004,  München

– Caskel, Werner: Die Bedeutung der Beduinen in der Geschichte der Araber, 1952, West Deutscher Verlag, Opladen

– Jacob, Georg: Altarabisches Beduinenleben nach den Quellen geschildert, 2004, Georg Olms Verlag

– Der Koran, http://www.igmg.de/service/der-koran-al-qur-an-al-karim.html

 

 

Quelle  :  http://www.igmg.de/nachrichten


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