Der Islam – eine europäische Tradition (2/3)

Der Einfluss des Islams auf die europäische Zivilisation


Die Philosophie ist nur ein Beispiel für den Beitrag des Islams zur europäischen Zivilisation. Gerade über Spanien und Sizilien haben die Muslime einen nachhaltigen Einfluss auf die europäische Kultur gehabt. 827 beendeten aus dem heutigen Tunesien kommende Araber die byzantinische Vorherrschaft in Sizilien, bis im 11. Jahrhundert die Normannen die Herrschaft übernahmen. Unter den Normannen und den nachfolgenden Staufern lebten immer noch viele Muslime in Sizilien. Auch hier kam es zu bedeutenden kulturellen Leistungen. Insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften, Handel und Technik könnte man vieles anführen, was hier nur angedeutet werden kann, denn sonst müsste man die gesamte Entwicklung der arabisch-islamischen Wissenschaften darlegen, z.B. in den Bereichen Mathematik, Medizin, Optik und Chemie, was den Rahmen dieses Vortrages sprengen würde.
Man kann den Einfluss der islamischen Zivilisation auf Europa bis heute sehr gut am Wortschatz erkennen, und das soll hier als Hinweis genügen. Dieser Einfluss ist natürlich im Spanischen noch viel stärker, aber auch im Deutschen ist er erkennbar, insbesondere was die materielle Kultur und die Naturwissenschaften betrifft. Ein kleines Wörterbuch, das 2007 erschienen ist “Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen” hat solche Wörter zusammen getragen. Leicht zu identifizieren sind die Wörter, die den arabischen Artikel tragen wie Alkohol, Algebra, Alkali, Algorithmus und Alkoven (Schlafzimmer in Bürgerhäusern bis in 19. Jahrhundert). Namen aus dem Arabischen tragen auch Pflanzen und Lebensmittel: Aprikose, Artischocke, Aubergine, Kaffee, Kandis, Limonade, Marzipan, Natron, Sirup, Spinat und Zucker; Stoffe und Kleidung: Gaze, Musselin, Gamasche und Joppe; Instrumente: Gitarre, Laute und Tamburin; Materialien wie Kork und Lack; Begriffe aus dem Handel wie Magazin, Scheck; Haushaltsgegenstände wie Karaffe, Tasse, Matratze und Sofa, sowie mathematische und astronomische Begriffe wie Ziffer und Zenit. Wenn man die Geschichte dieser Wörter verfolgt, wird deutlich, dass es ein anderes Modell für den Kontakt zwischen Kulturen gibt: nicht das des Kampfes, sondern des Zusammenwirkens und Ineinanderfließens.


Andalusien: Beispiel für Kulturverschmelzung


In den meisten Gebieten des islamischen Spaniens hat sich eine homogene hispano-arabische Kultur ausgebildet. Die Christen beherrschten wie die Muslime arabisch und die unter muslimischer Herrschaft lebenden Christen identifizierten sich so stark mit der islamischen Kultur, dass man sie Mozaraber (Arabisierer) nannte. Bischof Alvar beklagte 854, dass die jungen christlichen Männer von der arabischen Dichtung so bezaubert waren, dass sie kein Latein mehr, sondern nur noch Arabisch lernen wollte. Die islamisch-arabischen Elemente sind ihrerseits mit iberischen Elementen verschmolzen. Ein Beispiel dafür ist die Übernahme des westgotischen Hufeisenbogens durch die Mauren.


Hufeisenbögen in der Moschee von Cordoba

All das zeigt, dass es sich nicht um eine fast 800 Jahre dauernde „Fremdherrschaft“ handelte, von der sich die „eingesessenen“, christlichen Spanier dann mit der Reconquista endlich wieder befreit haben. Die Muslime waren genauso Spanier wie die Christen und Juden. Dass es in Spanien einen kontinuierlichen Kampf zwischen Muslimen und Christen gegeben hätte – was auch das Wort „Reconqista“ nahe legt („Rückeroberung“) – ist eine spätere Interpretation. Tatsächlich haben sich christliche Fürsten genauso oft untereinander bekämpft, dasselbe gilt für muslimische Kalifen und Emire. Damit soll nicht gesagt sein, dass es niemals Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften gegeben hätte, oder dass das mittelalterliche Spanien ohne Abstriche ein Modell für eine moderne multikulturelle Gesellschaft sein könnte. Aber: Es wurde eine gemeinsame Kultur geschaffen, an der die verschiedenen Gläubigen alle ihren Anteil hatten.

Die Weltkarte von al-Idrisi (gesüdet)

Man kann das auch an ganz konkreten Beispielen deutlich machen. Eines findet sich im Bereich der Medizin: in Cordoba haben sich ein christlicher Mönch, ein spanischer Jude und einige arabische Arzte zusammen getan, um eine alte arabische Übersetzung eines Arzneimittelbuches aus dem Griechischen (von Hunayn Ibn Ishaq (809-873), Christ) zu verbessern. Ein anderes Beispiel kommt aus Sizilien: Unter dem normannischen König Roger II. (1127-1154) und seinem Sohn Wilhelm I. (1154-1166) arbeitete der muslimische Geograph und Botaniker al-Idrisi und erstellte seine berühmte Weltkarte.
Es ist wichtig, diese Kulturleistungen als gemeinsame zu verstehen. Muslime neigen manchmal dazu, alle möglichen Errungenschaften in Naturwissenschaft, Technik und anderen Bereichen für sich zu beanspruchen – häufig aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, weil die gegenwärtige Lage in vielen Teilen der islamischen Welt nicht gerade rosig aussieht. Dabei wird jedoch übersehen, dass auch die muslimische Zivilisation auf etwas aufgebaut hat. Die islamische Zivilisation hat auf den wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Griechen, Byzantiner, Perser, Inder und Juden aufgebaut und Einflüsse aus China und Afrika aufgenommen. Die wichtigen Übersetzungen aus dem Griechischen in der Zeit der Abbasiden wurden z.B. maßgeblich von Christen geleistet.


Islam als Gegenbild zu Europa


Was ich zum Einfluss der islamischen Zivilisation auf Europa gesagt habe, ist eigentlich lange bekannt und leicht nachlesbar, z.B. in Montgomery Watt`s „Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter“. Wie kommt es dann, dass immer noch und immer wieder ernsthaft behauptet wird, der Islam hätte nicht nur für die Entwicklung der europäischen Kultur keine Rolle gespielt, sondern stünde ihr sogar diametral entgegen?

gefesselte Muslime als Atlanten, Portal Oloron/Ste. Marie, P. Atlantiques, Frankreich, 12. Jh. (Bild: Claudio Lange)

Dem Islam wurde ab einer bestimmten Zeit die Rolle eines Gegenbildes zu Europa zugeschrieben. Dies geschah zu der Zeit, in der sich so etwas wie ein (west-)europäisches Bewusstsein überhaupt erst entwickelte. Für das 8. und 9. Jahrhundert gibt es kaum Belege dafür, dass es einen tiefgreifenden Gegensatz zwischen Muslimen und Christen in Spanien gegeben hätte. Das änderte sich mit der Reconquista und den Kreuzzügen, in deren Zusammenhang ein einseitig negatives Islambild entwickelt wurde, das als Gegenbild zu Europa funktionierte. Dieses Islambild wurde nicht nur in Schriften und Predigten vermittelt, sondern auch über die Kirchenkunst, wie der Künstler und Religionswissenschaftler Claudio Lange in seinem Bildband „Der nackte Feind. Anti-Islam in der romanischen Kunst“ und in einer Ausstellung im Museum für Islamische Kunst in Berlin (2003) gezeigt hat. Die anti-islamischen Skulpturen zeigen eine „ikonographische Typologie des Feindes im elften Jahrhundert, die für die politische und kulturelle Identität des christlichen Europas bis heute von zentraler Bedeutung ist.“ [4]
Es sind vor allem drei Elemente in diesem negativen Islambild wichtig, denen jeweils ein positiver Aspekt in der Selbstsicht entspricht:
1. Der Islam ist eine bewusste Verkehrung der Wahrheit (das Christentum ist wahr)
2. Der Islam ist eine Religion der Gewalt und des Schwertes (das Christentum ist friedlich)
3. Der Islam ist eine Religion der hemmungslosen Genusssucht und Sexualität (das Christentum ist moralisch)
(Ein solches Gegenbild kann aber auch gewendet werden: Heutzutage sind nicht wenige Muslime der Meinung, sie hätten die Moral gepachtet, und die Europäer, bzw. die Westler wären im allgemeinen unmoralisch.)
Die Situation hat sich in der Neuzeit, als die christliche Religion durch die Aufklärung an Einfluss verloren hat, geändert, die Funktion des Islams als Gegenbild blieb jedoch bestehen. Vor allem der Aspekt der Gewalt ist eine Konstante: Der Islam gilt nun als Religion des Despotismus. So schreibt etwa Montesquieu, dass die maßvolle Regierung besser zur christlichen, die despotische besser zur mohamedanischen Religion passe (“Vom Geist der Gesetze”). Was neu hinzukommt, ist der Aspekt des Fanatismus: Der Islam gilt als fanatisch und irrational – dem entspricht das positive Selbstbild der Vernunft. In dem Maße, in dem man sich selbst als vernünftig und aufgeklärt versteht, werden die anderen zu Fanatikern. Das gilt nicht nur für Muslime, sondern auch für Juden und die sogenannten „Wilden“.
Die neuere Entwicklung in dieser Beziehung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts hat der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze so beschrieben: „Der Islam wurde als das Prinzip des Orients ausgemacht, als Bewahrheitung des Irrationalen, gegenaufklärerischen Fundamentalismus, als Universalie, die nicht nur Ideologie ist, sondern allumfassend Gesellschaft, Kultur und Staat und Politik beherrschen will. Der Islam wird nun nicht mehr als ideologische Antithese begriffen, sondern als gesamtkulturelle Antithese zum Westen und seiner universalistischen Identität. Der Islam gerät so zur Begründung des Gegen-Westens, zur Gegen-Moderne, ja zur Gegen-Zivilisation“. [5] Schulze hat dies in den 90er Jahren geschrieben, also noch vor den Anschlägen vom 11. September 2001, die noch einmal eine weitere Verschärfung eingeläutet haben.
Der Mechanismus des Ausschlusses
Allen Phasen gemeinsam ist die Konzeptionalisierung des Islams als das „Andere“ Europas. Das bedeutet, dass diese Islambilder wenig über den Islam, aber viel über das europäische Selbstverständnis aussagen. Denis Guénoun, Professor an der Sorbonne, schreibt dazu in seinem Buch “Hypothesen über Europa”: „Im Angesicht des Islams macht sich Europa seine Vorstellung von sich selbst.“ [6] Dies ist ein Prozess, der in seinem Anfang im Mittelalter mit der Exterritorialisierung der (west-)europäischen Muslime einherging. Man kann sagen, dass die muslimische Präsenz in Andalusien zweimal endete, einmal mit Vertreibung und Inquisition und ein zweites Mal in den Geschichtsbüchern, in denen diese Epoche aus der europäischen Geschichte ausgetragen wurde, indem man eine Phase der Fremdherrschaft daraus machte. Die Verdrängung des Islams aus der europäischen Geschichte wird ihrerseits verdrängt, und so entsteht der Eindruck, Europa sei etwas, das sich ganz unabhängig vom Islam entwickelt habe. Europa konstruiert sich auf diese Weise selbst über einen „Mechanismus des Ausschlusses“ (Navid Kermani).
Diesen Mechanismus kann man bis heute in den verschiedensten Bereichen beobachten. Ein aktuelles Beispiel ist die Rede des Papstes im September 2006, in der er einen Vertreter des östlichen Christentums zitierte, um die Verbindung von griechischer Vernunft und christlichem Glauben zu belegen. Dadurch war es ihm möglich, von der islamischen Philosophie zu schweigen, die für das westliche, lateinische Christentum gerade den missing link zwischen beiden darstellt. Das ist schon eine beachtliche Verdrängungsleistung.
Bei einem Vertreter der katholischen Kirche, der an der Vorstellung vom „christlichen Abendland“ naturgemäß ein Interesse hat, ist das vielleicht nicht verwunderlich, aber man kann diesen Mechanismus des Ausschlusses auch in den Wissenschaften beobachten.
Es gibt manchmal erhitzte Debatten über Fragen, die auf den ersten Blick völlig harmlos erscheinen. Ein Beispiel aus der Mediävistik hat die amerikanische Literaturprofessorin Maria Rosa Menocal in ihrem Buch „Die arabische Rolle in der mittelalterlichen Literaturgeschichte“ als Anekdote beschrieben: Sie besuchte als Studentin der Romanistik aus Interesse Arabisch-Kurse und lernte dort das Verb taraba kennen , das unter anderem „singen“ oder “mit Musik unterhalten” heißt. Dieses Wort wurde von ihrem Arabischlehrer als Ursprung für das französische Wort Troubador (mittelalterliche Dichter, Komponisten und Sänger in Südfrankreich) vorgestellt. Sie war darüber sehr erstaunt, da sie wusste, dass es eine lange Diskussion über die Herkunft des Wortes Troubadour gab und die Frage als ungeklärt galt (das gilt sie bis heute). Menocal fand dann heraus, dass dieser Vorschlag für die Entstehung des Wortes bereits 1928 von dem Arabisten Ribera gemacht wurde. Die Erklärung aus dem arabischen taraba hat gegenüber anderen Erklärungsmodellen den Vorteil, dass sie relativ unproblematisch und plausibel ist (taraba – singen, Troubador – Sänger; und der Vermittlungsweg über Spanien nach Südfrankreich ist auch relativ einleuchtend). Aber dieser Vorschlag wurde einfach nicht ernsthaft diskutiert – die Reaktion war Abwehr und Verdrängung. Ein Romanist schrieb z.B. einfach: „Die arabische Etymologie die Ribera dem Wort Troubadour zuschreibt, kann sicherlich niemanden überzeugen.“ [7] Als Favorit gilt stattdessen ein konstruiertes, also nicht belegtes lateinisches Wort, *tropare, aus dem sich Troubador abgeleitet haben soll. Ein solcher Vorgang ist symptomatisch für diesen Prozess der Verdrängung, und ähnliche Beispiele findet man in anderen Bereichen. Diese Prozesse laufen häufig auch unbewusst ab. Es ist einfach nicht möglich, das, was Jahrhunderte lang als das „Andere“ gegolten hat (und immer noch gilt) in die eigene Geschichte und damit das Selbstbild zu integrieren.

 

Quelle: www.al-sakina.de


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