Vom Geiste der Pilgerfahrt (2/2)


Und immer wieder sollten wir das Motto der Pilgerfahrt, die Talbiyya, rufen:
Labbayk Allahumma labbayk!
Labbayka lâ Scharîka laka labbayk!
Inna l-Hamda wa n-Ni´mata laka wa l-Mulk!
Lâ Scharîka lak!
“[1]
Wenn wir die Worte der Talbiyya rufen, sollten wir uns damit auch immer bewusst machen, dass wir Gäste Allahs sind, die Seiner Einladung nachkommen. Und wir bestätigen damit, dass Allah im Reich der Himmel und der Erde keinen Partner hat und wir versprechen Ihm auf diese Weise, den Versuchungen Schaytâns und unseres Egos zu widerstehen.
Andernfalls, wenn wir die Pilgerfahrt in Achtlosigkeit vollführen, ohne uns an die genannten Prinzipien zu halten, wird sie für uns letztendlich ohne jeden Nutzen sein. Im Besonderen gilt dies für diejenigen, die ihre Reise zu den Heiligen Stätten aus unzulässigen Einkünften finanzieren, die in Verletzung der grundlegenden Regeln des Islam erworben wurden. Das heißt, kein Gottesdienst darf auf der Grundlage von illegal erworbenem Einkommen aufgebaut sein. In einem solchen Falle würde sich die Bedeutung der Worte „Dir zu Diensten“ in ihr Gegenteil verkehren, weil die wichtigsten, grundlegenden Bedingungen der Pilgerfahrt verletzt wurden.
Es ist unbestritten, dass die wichtigste Regel für die Pilgerfahrt darin besteht, dass diese aus legalen, das heißt, im Sinne des Islam rechtmäßig erworbenen, Mitteln finanziert wird. An zweiter Stelle folgt dann die Aufrichtigkeit der Absicht im Herzen. Bei jeder Talbiyya sollte das Herz des Pilgers in Flammen stehen. Nur so kann sich ein Gläubiger wirklich seinem Herren nähern. Leere Worte, die nicht ernst gemeint sind, bleiben ohne Nutzen. Das Gesicht Husayn’s, des ehrwürdigen Enkels des Propheten – der Segen und Friede Allahs seien auf ihm und seiner Familie – wurde jedes Mal bleich, wenn er „Labbayk“ sagte, aus Furcht davor, dass Allah ihm vielleicht mit „Lâ labbayk“ antworten könnte.
Möge Allah uns unsere Pilgerfahrt mit Körper und Seele vollführen lassen!
Âmîn!
Die Riten und Erfahrungen der Pilgerfahrt führen den Menschen hin zur Barmherzigkeit und einem spirituelleren Leben. In dem ‚Ihrâm’ genannten Weihezustand, der äußerlich durch das Tragen der weißen Tücher deutlich wird, soll der Pilger alle Arten von Grobheit und ungehobelten Verhaltensweisen ablegen. Er wird zu einem freundlicheren Wesen, dem das Jagen von Tieren und selbst das Ausreißen von Pflanzen oder Abrechen grüner Zweige, geschweige denn anderen Geschöpfen Leid zuzufügen, aufs Strengste untersagt sind.
Allah der All-Erhabene sagt im heiligen Qur’ân:
Für die Hajj sind bekannte Monate bestimmt. Wer sich darin zur Hajj entschlossen hat, enthalte sich des Geschlechtsverkehrs und begehe keinen Frevel und führe keine üble Rede während der Hajj. Und was ihr an Gutem tut, Allah weiß es. Und sorgt für die Reise vor! Und wahrlich, die beste Vorsorge ist Gottesfurcht. Und fürchtet Mich, o die ihr Einsicht besitzt!“ (2:197)
Die Pilger dürfen nicht streiten oder jemanden verletzen und sind gehalten, sich um ihres Schöpfers, Allahs des Allmächtigen willen, freundlich und zuvorkommend zu verhalten. Besonders das Herz eines Gläubigen zu verletzen gilt als große Sünde. Deshalb verzichtete der Khalîf ´Umar während der Zeit der Hajj lieber darauf, während der Umrundungen der Ka´ba den Schwarzen Stein zu küssen, um nicht versehentlich im Gedränge jemanden zu kränken oder zu verletzen. Mit dem Anlegen des Pilgergewandes wandelt sich der Zustand des Gläubigen, er lässt sein gewöhnliches, alltägliches Benehmen hinter sich und findet hin zu einem spirituell geprägten Verhalten. Das weiße Gewand erinnert ihn an den Tod und das Leichentuch, in das er einst gehüllt werden wird. So verbringt er seine Zeit im Nachdenken über den Tod und wie er ihm gegenübertreten wird. Mit all ihren subtilen Riten lässt die Pilgerfahrt den Menschen die höchste Stufe erreichen, die im Qur’ân mit den Worten beschrieben wird:
Gewiss haben Wir den Menschen in der vorzüglichsten Form erschaffen.“ (95:4)
Und der Prophet – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – verkündete den Pilgern die frohe Botschaft:
Die Hajj und die ´Umra (kleine Pilgerfahrt), reinigen den Pilger so, wie die Säure des Goldschmieds Gold und Silber reinigt.“[2]
Und er sagte – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden:
Wer um Allahs willen die Hajj vollführt und dabei keinen Geschlechtsverkehr ausübt und nichts Übles tut oder sündigt, wird (so rein) zurückkehren, wie ein neugeborenes Kind aus dem Mutterschoß.“[3]
Diese frohe Botschaft gilt all denjenigen, die ihre Pilgerfahrt in solcher Weise vollführt haben, dass sie von Allah angenommen wurde, was im Arabischen mit den Worten ‚al-Hajj al-mabrûr’ bezeichnet wird. Mit dem damit erworbenen Rang sind darüber hinaus folgende Tugenden und Eigenschaften verbunden:
1. Verantwortungsgefühl
2. Ein verzeihendes Naturell
3. Reinheit des Körpers und der Handlungen
4. Brüderlichkeit
5. Das Bewusstsein, dass die Vorzüglichkeit eines Menschen allein auf Gottesfurcht beruht
6. Rechtmäßiger Erwerb des Lebensunterhalts
7. Aufrichtigkeit
Aus diesen Gründen ist die Pilgerfahrt mehr als nur eine Form des Gottesdienstes. Sie stellt für den Menschen eine Chance dar, seine positiven Fähigkeiten weiterzuentwickeln. So trägt die Pilgerfahrt zu einer Verbesserung der gesellschaftlichen, ethischen und politischen Verhältnisse der Umma bei. Mehr als irgendeine andere Form von Gottesdienst lehrt sie die Menschen den universellen Aspekt des Islam.
Auf der persönlichen Ebene eröffnet die Pilgerfahrt dem Gläubigen die Chance, in der Begegnung mit Anderen seine Handlungen und Verhaltensweisen einzuschätzen und Fehler für die Zukunft zu korrigieren.
Die Hajj einmal im Leben zu verrichten ist Pflicht. Jedoch genau wie man zusätzliche, freiwillige Gebete verrichten kann, ist es auch möglich, darüber hinaus weitere, freiwillige Pilgerfahrten zu vollführen.
Manche Muslime sind der irrigen Ansicht, mehr als einmal zur Pilgerfahrt zu gehen, sei eine Verschwendung von Zeit und Geld. Derartige Behauptungen grenzen stark an Unglauben und können nur von Leuten stammen, die den Sinn der Hajj und das ihr innewohnende Potential zu positiven Veränderungen nicht begriffen haben.
Vom glücklichen Zeitalter des Propheten an – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – haben die Muslime immer voller Liebe und Hingabe freiwillige Formen des Gottesdienstes verrichtet. Und gerade diese sind es, die den Diener Allah näher bringen, wie in dem wohlbekannten Hadîth überliefert ist. Diese freiwilligen Handlungen sind es, die der Seele tiefe Erfahrungen und Einsichten vermitteln. Durch sie wird der Muslim großzügiger und barmherziger. Für die, die sich ganz dem freiwilligen Gottesdienst verschreiben gilt: Allah wird so zu ihren Augen, mit denen sie sehen, zu ihren Ohren, mit denen sie hören und all ihre Gedanken und Taten werden von Seinem göttlichen Licht geleitet.
Diese spirituelle Entwicklung wird durch freiwilligen Gottesdienst und Barmherzigkeit gegenüber den Geschöpfen Allahs erreicht. Der berühmte, als ‚Imâmu l-A´zam’‚ das heißt ‚größter Imâm’, des Islam bezeichnete Gelehrte Abû Hanîfa verrichtete 55 Pilgerfahrten. Diese Tatsache an sich sollte wohl genügen, um die Bedeutung der Pilgerfahrt zu unterstreichen.

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[1] Zu Deutsch: „Dir zu Diensten, o Allah, Dir zu Diensten! Dir zu Diensten, der Du keinen Partner hast, Dir zu Diensten! Wahrlich der Lobpreis und die Segnungen sind Dein und die Herrschaft! Du hast keinen Partner!“
[2] Nasâ’î und Tirmidhî
[3] Bukhârî, Hajj, 596


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