Ein Kopftuch ändert nichts am Muttersein

Ein lautes «Mama!» drängt sich langsam aber vehement in meine idyllische Traumwelt. Auch das Kissen über meinem Kopf kann die Tatsache nicht ändern und ein scheuer Blick auf die Uhr bestätigt: Ein neuer, ganz normaler Tag beginnt. Dazu gehört auch die alltägliche Diskussion mit meiner ältesten Tochter, welche Kleiderwahl dem Wetter entspricht, während ich noch nebenbei die ausgeschüttete «Ovi» vom Boden aufwische. Eine Situation, die viele andere Mütter bestimmt bestens kennen.

Nichts an unserem Familienleben scheint auffällig − doch dies ändert sich schlagartig, wenn wir das Haus verlassen. Kaum sind wir im Tram, bemerken wir die ersten skeptischen und mitleidigen Blicke.  Sobald wir dann auf dem Spielplatz sind folgen die ersten Kommentare. «Die armen Kinder! Warum müssen sie ihre Töchter so verunstalten und ihnen ein Tuch um den Kopf binden?»

Während ich mich der Diskussion stelle, immer wieder betone, dass dies absolut freiwillig sei und erkläre, dass das islamische Kopftuch kein politisches Symbol sei, sondern eine Kultushandlung, backen die Kinder aller Ethnien und Religionen gemeinsam Sandkuchen.

Doch bald wird ihnen das zu langweilig und sie spielen Fangen. Ein Mädchen in der Gruppe ist ein leichtes Opfer, da ihre Absatzschuhe sie daran hindern schnell und flink über die Wiese zu rennen. In diesem Fall fragt sich aber niemand, ob die überaus modebewusste Mutter ihre Tochter zum Tragen dieser Schuhe gezwungen hat oder ob die Kleine diese freiwillig trägt. Keine kümmert es, dass das Mädchen wie eine kleine Lolita aussieht und damit Signale aussendet, deren Wirkung sie sich wohl in keiner Weise bewusst ist.

Meine Töchter unterscheiden sich in diesem kulturellen Kontext wohl äusserlich von anderen Kindern. Jedoch ist das Tragen des Kopftuches für sie nicht eine Angelegenheit, die sich auf ein verändertes Erscheinungsbild reduzieren lässt. Für sie ist dies ein Teil ihres Glaubens, genau so wie die fünf Gebete, welche ein fester Bestandteil unseres Familienlebens sind. Sie gliedern den Tagesablauf und geben unseren Kindern eine Struktur, an der sie sich orientieren können. So geschieht es öfters, dass sich nach dem Gebet alle Kinder um uns versammeln und wir eine Runde kuscheln oder uns gegenseitig auskitzeln. Auch darin unterscheiden wir uns nicht von anderen Familien. Diese Momente stärken den Zusammenhalt und befriedigen die Bedürfnisse der Kinder.

Nebst den Gebeten sind moralische Werte ein weiterer wichtiger Punkt in der Erziehung. Moral – welche über die Ebenen des Individuums ausgeht – steht immer im Zusammenhang mit einer transzendalen Aufsichtsinstanz und die ist für unsere Kinder Allah. Jetzt noch. Denn inwiefern sich unsere Kinder mit diesen Werten in der Pubertät auseinandersetzen und welche sie dann in ihr Leben als Erwachsene integrieren werden, dass ist ihnen überlassen. Natürlich wünsche ich mir, so wie jede Mutter, für meine Kinder das aus meiner Sicht Beste für ihre Zukunft. Doch keine Mutter weiss, was ihrem Kind geschehen oder wie es sich entwickeln wird und so bleibt uns einzig die Möglichkeit, ihnen mit unserer Erziehung eine gute Grundlage für das Leben mitzugeben.
Wer sich nicht alleine von den Äusserlichkeiten ablenken lässt und in seinen eigenen Gedankenkonstrukten und Vorurteilen gefangen ist, bemerkt schnell, dass die Unterschiede zwischen den Freuden und Sorgen einer islamischen Mutter sich nicht gross von denen anderer Mütter unterscheiden. Und so freue auch ich mich abends, wenn ich mich auf Zehenspitzen aus dem Kinderzimmer geschlichen habe und nur noch die tiefen Atemzüge zu hören sind, auf meine Tasse Kaffee und einen gemütlichen Ausklang des Abends.

*Nora Illi (28) ist Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) und engagiert sich, das Klischee der muslimischen Frau zu relativieren. Sie ist Mutter von vier Kindern, wovon die jüngsten Zwillinge sind.

Quelle: http://dawa-news.net


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