Den Dschihâd verstehen (1/3)

Unter die islamischen Begriffe, die heutzutage am meisten diskutiert und missverstanden werden, gehört der Begriff Dschihâd. Einerseits wird dieser Begriff im Allgemeinen mit Gewalt und Terror gleichgesetzt und in Bausch und Bogen abgelehnt. Andererseits stellen einige Muslime ihre berechtigten oder unberechtigten Aktionen, bei denen Menschen ums Leben kommen, als Dchihâd dar. Im Chaos dieser Begrifflichkeiten, das durch diese entgegengesetzten Ansichten verursacht wird, ist es nahezu unmöglich eine tiefergehende Diskussion über den Dschihâd zu führen. Umso wichtiger ist es, sich als Muslim um das Verständnis und die Darstellung dieses Begriffes zu bemühen.

Dschihâd ist eine Lebens- und Auffassungsweise

Wenn man die göttliche Botschaft, die uns der Gesandte Gottes übermittelt und vorgelebt hat, in seiner Gesamtheit betrachtet, wird man zu dem Schluss kommen, dass der Dschihâd die Anstrengung ist, an jedem Ort und zu jeder Zeit, die Zufriedenheit Allahs zu erlangen. Die Betrachtung des gesegneten Korans und der Hadîthe wird zu dem Ergebnis führen, dass all diese Anstrengungen, Teile des Dschihâds sind.

Der Gesandte Gottes ist derjenige, der die Verse des Korans, die den Krieg betreffen, am besten verstanden und umgesetzt hat. In diesem Sinne kann nicht von einem „Heiligen Krieg“ gesprochen werden. Vielmehr müssen alle Anstrengungen und die Geduld, die der Mensch bei vielen Schwierigkeiten des Lebens aufbringen muss, als Dschihâd angesehen werden. Im Koran werden hierfür die Begriffe „für Allah” (lillâh) und „auf dem Weg Allahs“ (fî sabîlillâh) benutzt, welche wiederrum in vielen Hadîthen dementsprechend benutzt werden. Obwohl nach dieser Definition selbstverständlich auch der bewaffnete Kampf zum Dschihâd gehört, bedeutet das nicht die Verherrlichung des Kampfes an sich. Denn der Krieg ist ein Phänomen, das den Menschen von Anfang an begleitete und in seiner schlimmsten Form im I. und II. Weltkrieg Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Im Koran wird der Dschihâd – im Sinne von Kampf – lediglich als Mittel zur Verteidigung und als Aufforderung nicht vor einem unvermeidlichen Kampf zurückzuschrecken, beschrieben. Doch die Verse gebieten ebenfalls, nicht zu übertreiben und Frieden zu schließen, wenn es sich anbietet. Bevor wir nun diese Verse besprechen, soll nochmal daran erinnert werden, dass der Dschihâd eine Lebens- und Auffassungsweise ist. Außerdem muss darauf hingewiesen werden, dass ausschließlich die staatliche Autorität befugt ist, vom Recht der Verteidigung Gebrauch zu machen.


Dschihâd im Koran und in den Hadîthen

Im Koran heißt es:

Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen erstand. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Unrechte und glaubt an Allah.“ [3:110]

Mit diesen Versen beschreibt Allah den grundlegenden Charakter der Umma. Das Leben eines Muslims besteht also darin, das Rechte zu empfehlen und vom Unrechten abzuhalten. Diese Auffassung verherrlicht den Kampf nicht, sondern setzt sich dafür ein, ihn zu vermeiden.

Die Äußerungen unseres Propheten zum Begriff des Dschihâds erläutern den Sinn des obigen Verses. Mit dem Ausspruch„O ihr Menschen, ihr solltet nicht nach dem Gegner verlangen. Verlangt Wohlbefinden von Allah. Aber wenn ihr mit ihnen kämpfen müsst, seid geduldig. Ihr müsst wissen, dass das Paradies unter den Schatten der Schwerter ist.“ (Buchârî, Dschihâd, 22) verdeutlicht unser Prophet, dass man nicht nach dem Kampf verlangen soll, um mit den Worten „Der wahre Mudschâhid ist derjenige, der gegen seine Triebe kämpft.“ (Tirmizî, Dschihâd, 2) klarzustellen, dass mit Dschihâd nicht nur der bewaffnete Kampf gemeint ist. In einer anderen Überlieferung sagt der Gesandte Gottes: „Der beste Dschihâd ist derjenige, der gegen das eigene Ego und die Triebe geführt wird.“ (Dschamîus Sağîr, 1247) Der Begriff des Dschihâds, der in diesen Hadîthen beschrieben wird, betont das Streben der im obigen Vers genannten Umma, das Rechte zu empfehlen und vom Unrechten fernzuhalten. In einer anderen Darstellung des Dschihâds ist davon die Rede, sich gegen einen ungerechten Herrscher zu richten: „Der beste Dschihâd ist es, gegenüber einem ungerechten Herrscher das Rechte zu sagen.“ (Dschamîus Sağîr, 1246; Abû Dâwûd, Malahim, 18; Nasâî, Baj’a, 38)

Zum Dschihâd zählt auch, gegen soziale Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Unser Prophet hat einmal gesagt: „Sich für Witwen, Waisen und Bedürftige einzusetzen, ist ein Dschihâd.“ (Buchârî, Nafaka, 1) In einem anderen Hadîth beschreibt er den wahren Muhâdschir und Mudschâhid: „Ein Muhâdschir ist jemand, der vom Schlechten ablässt und ein Mudschâhid ist jemand, der gegen seine Triebe kämpft.“ (Gazâli, Bidâjatul Hidâja, S. 79) Darüberhinaus betont der Gesandte Gottes den Wert eines pünktlich verrichteten Gottesdienstes: „Der beste Gottesdienst ist das pünktlich verrichtete Gebet, seine Eltern gut zu behandeln und der Dschihâd auf dem Weg Allahs.“ (Dschamîus Sağîr, 1235)

Dass unser Prophet den Dschihâd als umfassende Lebensweise betrachtet hat, wird auch in folgendem Hadîth deutlich: „Der tugendhafteste Mensch ist der Gläubige, der sich mit seinem Leben und seinem Besitz auf dem Weg Allahs bemüht; dann der junge Mensch, der seine Jugend in Gottesfurcht verbringt. Dieser Mensch wird auch keine Gefahr für andere Menschen sein.“ (Dschamîus Sağîr, 1296) Des Weiteren wird auch das Vorgehen gegen diejenigen, die sich am Besitz anderer vergreifen, als Dschihâd angesehen.


Unser Prophet betont, dass derjenige, der sein Leben unter schweren Bedingungen verliert, als Schahîd stirbt: „Auf dem Weg Allahs zu sterben, bedeutet als Schahîd zu sterben. An der Pest zu sterben, heißt als Schahîd zu sterben. An Bauchschmerzen zu sterben, heißt als Schahîd zu sterben. Wer bei einem Brand ums Leben kommt, gilt als Schahîd. Wer bei einer Überflutung das Leben verliert, zählt zu den Schahîd. Die Frau, die bei der Geburt ihres Kindes stirbt, wird von diesem Kind in ihrem Bett ins Paradies getragen.“ (Dschamîus Sağîr, 6177)

Quelle:igmg


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