Kultureller Austausch aus religiöser Sicht

Beim Versuch, das menschliche Leben zu begreifen, sind wesentliche Kernpunkte zu beachten. Zuallererst stellt sich die Frage, nach welcher Definition und innerhalb welcher Wissenschaftsdisziplin wir uns dieser Thematik nähern. Wenn wir von „kulturellem Austausch“ sprechen, verwenden wir den Begriff Kultur, der seit der Antike von „westlichen“ Philosophen verwendet wird, dessen Bedeutung in der Neuzeit erweitert wurde und für den es hunderte von Definitionen gibt, als Schlüsselbegriff.
In Nachschlagewerken wird der Begriff Kultur als Summe von Werten beschrieben, die durch geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen entstehen sowie die Mittel, die bei deren Weitergabe an die nachfolgenden Generationen verwendet werden und Hinweise auf das Lebensumfeld des Menschen geben.[1] Kurzum: Der Kulturbegriff umfasst die Werte, die die Gesamtheit der Empfindungen und Eigenschaften einer Gesellschaft einschließen, wie z. B. Tradition, Sitte, Brauch, Kunst, Kultur und Handwerk. Kultureller Austausch hingegen kann als die Begegnung zweier voneinander unabhängiger Kulturen und dessen Auswirkungen aufeinander bezeichnet werden. Generell wird davon ausgegangen, dass es wahrscheinlicher ist, dass die Mehrheit die Kultur der Minderheit beeinflusst und die Schwächeren die Kultur der Stärkeren übernehmen.

Wenn man im Rahmen bestimmter Wissenschaftsdisziplinen und Paradigmen von Kultur und kulturellem Austausch spricht, wäre es abwegig zu behaupten, dass diese in der Lehrtradition von Muslimen kein Pendant hätten. Allen voran haben die Begriffe Îmân (Glaube), Sunna (Praxis), Fikh (Recht), Tradition (Urf), Marûf (das Gute), Amal as-sâlih (aufrichtige Tat), Haram (das Verwehrte), Mubah (das Wertfreie, Indifferente), Taklîd (Nachahmung), Zarûra (Notwendigkeit) usw. schon seit Jahrhunderten einen unverrückbaren Platz in der Lehrtradition der Muslime. Wenn wir diese Begriffe in Verbindung mit dem Monotheismus (Tawhîd) sehen, so finden wir ein umfassendes System vor: In der Theorie ist es nicht möglich dieses System mit ihm fremden Begriffen auszudrücken. Aus diesem Grund wird der Begriff Kultur von manchen Muslimen abgelehnt und bei der Beschreibung des muslimischen Lebens der Begriff Sunna verwendet.[2] Die Fikh-Wissenschaft, Imam Abû Hânîfas Beschreibung zufolge „die Kenntnis über die Rechtsprüche, die dem Menschen zu seinem Vor- und Nachteil sind“, bietet den Muslimen, unabhängig von Ort und Zeit, bei der Rechtsfindung, unbegrenzte Möglichkeiten – zumindest im theoretischen Sinne. Die Einschränkung auf Theorie beruht auf dem eingeschränkten Gebrauch des Fikh, der als Idschtihâd (selbständige Rechtsfindung) beschrieben wird. Einer der ersten Definitionen von Idschtihâd ist in dem ältesten Werk des Fikh, in Schâfîis ar-Risâla zu finden: „Zu jeder Gegebenheit gibt es ein Urteil oder einen Hinweis darauf, der zu dem Rechtsurteil hinführt. Wenn es ein klares Urteil gibt, muss dieses befolgt werden. Wenn es keines gibt, dann wird mit Hilfe des Idschtihâd eine Rechtsfindung angestrebt.“[3] Wenn sich die Zeiten und damit die Lebensumstände des Menschen ändern, werden bei der Interpretation von Gegebenheiten geistige und wissenschaftliche Anstrengung zur Notwendigkeit. Insbesondere in pluralen und multireligiösen Gesellschaften ist ein kultureller Austausch vorzufinden. Interaktion ist für die Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen unausweichlich, denn eine Abkapselung ist nicht möglich – das wäre auch nicht im Sinne des Islams. Die kulturelle Interaktion, die mit der Zur-Kenntnisnahme des Anderen beginnt und mit der Zunahme im kommunikativen Bereich den Höhepunkt erreicht, kann anhand der gegenseitigen Beeinflussung etwa bei der Übernahme von Geburtstagsfeiern, dem Muttertag und Silvesterfeiern festgemacht werden. Diese Beispiele sind in der globalisierten Welt, die begünstigt durch die Förderung der Konsumgesellschaft – auch mit Hilfe von Massenmedien – zunehmend zu einer Vereinheitlichung von Lebensweisen führt, insbesondere für Menschen, die einen bestimmten Lebensstandard erreicht haben, von Relevanz. Es ist nicht anzuraten, diese Beispiele als völlig unschuldig, selbstverständlich und als gesellschaftlichen Brauch zu verharmlosen. Noch ist es anzuraten, sie als verboten (haram) abzutun und selbst das Feiern dieser Tage im Rahmen des Erlaubten (Halal), nach dem Motto zu bewerten „Wer einem anderen Volk gleicht, ist einer von ihnen“. Ein Mensch, der sich seiner Handlungen bewusst ist, und mit sich, seiner Persönlichkeit und Identität im Einklang ist, wird sich nicht von der Psychologie der Konsumgesellschaft beeinflussen lassen. Doch bei Jugendlichen und Kindern sieht es anders aus, so dass diese eher dazu tendieren, diese Feiertage zu begehen. Wie ist die islamische Sicht zu diesem Thema? Diese Frage ist für jeden religiösen Muslim von Bedeutung.

Der Islam ist eine realistische Religion, sie befasst sich mit realen und natürlichen Aspekten des Lebens. Menschen sind keine engelhafte Wesen, so wurde ihnen nicht auferlegt, dass jedes ihrer Worte die Preisung Gottes ist, sie jede Sekunde im Gedenken (Zikr) an Gott verbringen, alles was sie hören, der Koran ist und sie jede ihrer freien Minuten in der Moschee verbringen. Menschen, die auf diese Weise ihr Leben verbringen, gehören zur Seltenheit. Zu den Bedürfnissen des Menschen zählt Erholung, Unterhaltung und das Stillen ihrer Bedürfnisse. Die Herzen der Menschen ermüden wie ihre Körper und brauchen Erholung. Mit dem Ziel die Triebseele (Nafs) von Verbotenem fernzuhalten, damit der Mensch seiner Natur entsprechend handeln kann und die Menschen auf dem rechten Weg voranschreiten können, sind Unterhaltungen im Rahmen des Erlaubten sowie das Spielen und Scherzen gestattet.[4]

Außer den Feierlichkeiten anlässlich des Geburtstages (Mawlîd) des Propheten gibt es in der „Ahl al-Sunna“, der sogenannten Orthodoxie, keinen anderen Beweis, der das Feiern von Geburtstagen unterstützen würde. Geburtstagsfeiern haben heute keinen religiösen Hintergrund, sondern sind weltweit zu einem Brauch geworden. Aus diesem Grund gibt es zwar keine Bedenken, diese Tage zu feiern, doch sollte dabei Abstand davon genommen werden, anderen Kulturen nachzuahmen. Diese besonderen Tage sollten vielmehr dafür genutzt werden, den neuen Generationen Spiritualität, Wissen und Rituale zu vermitteln.[5] Dasselbe gilt auch für den Muttertag. Muslime sollten vermeiden, diesen Tag durch Konsumverhalten zu etwas Oberflächlichem zu machen. Sie sollten vielmehr versuchen, den Feiertag ihren eigenen Werten entsprechend zu begehen.

Was Silvesterfeiern angeht, gibt es verschiedene Herangehensweisen. Wenn die Absicht dahinter, der kalendarische Neujahrsbeginn ist, dann hängt die Art, wie der Mensch diesen Tag begeht, von seiner Einstellung ab. Wenn jemand, der sich als Muslim bezeichnet, Weihnachten und Ostern mit mehr als der Geschichte des Propheten Îsâ (as) in Verbindung bringt und das Fest ähnlich der christlichen Mehrheit feiert, ist dies nichts anderes als Nachahmung. Ein Muslim ist jener, der weiß, warum er etwas Bestimmtes tut und die Verantwortung dafür trägt.

Der Islam, der zur Zeit der Krisen einen Lösungsweg vorgibt, hat die Besonderheit, eine eigene Lebensweise aufzuzeigen. Den Menschen diese Besonderheit in allen Lebensbereichen zu vermitteln, gehört zu den Aufgaben der Muslime. Diese Aufgabe setzt geistige und wissenschaftliche Hingabe voraus. Die Möglichkeiten des modernen Lebens mit der islamischen Lebensweise sowie den Besonderheiten des Islams zu verbinden, ist eine weitere Aufgabe, die das Zeitalter den Muslimen zuweist.

Übersetzung aus dem Türkischen: Fatma Yılmazer

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[1]http://www.tdkterim.gov.tr/?kelime=k%FClt%FCr&kategori=terim&hng=md

[2]Abdurrahman Arslan;http://www.koprudergisi.com/index.asp?Bolum=EskiSayilar&Goster=Yazi&YaziNo=38

[3]Schâfîi, ar-Risâla, Ahmed M. Şakir, Ägypten, 1940, S. 477

[4]Vgl. Yûsuf al-Karadâwi, “İslam’da Helal ve Haramlar”, I.I.F.S.O. Yayımı, 1980, S. 491f.

[5]Vgl. Hayrettin Karaman, “Günlük hayatımızda Helaller ve Haramlar”, İz Yay., 23. Auflage, Istanbul, 2007, S. 209

Quelle:igmg


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