Der Mensch im Koran

In der letzten Offenbarung (Wahy), dem Koran, steht der Mensch von der ersten bis zur letzten Seite im Mittelpunkt. Am Anfang des Korans lehrt Gott den Menschen die Fähigkeit und das Bewusstsein, sich an ihn zu wenden. Er zeigt ihm eine Richtung im Leben auf. In der letzten Sure des Korans empfiehlt er vor schlechten Menschen und den Dschinn Zuflucht bei ihm zu suchen. Folglich ist der Mensch der Adressat und zugleich Thema des Korans.

Das Dasein, das Leben und den Menschen zu verstehen sind ähnliche Prozesse, die ineinander übergehen. Denn der Mensch ist in der Lage zu verstehen und zu wissen. Es ist unvorstellbar, dass jemand, der nicht versucht sich selbst zu kennen, das Dasein und das Leben richtig „erkennt“. Das Verständnis vom Menschen und die Verständigung der Menschen untereinander gehören seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte zu den grundlegenden Themen des Lebens. Der Mensch ist ein komplexes Wesen. Aus diesem Grund ist die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und einem harmonischem Miteinander mit seinen Mitmenschen ein Ziel, das der Mensch nicht alleine erreichen kann. Wenn der Menschheit die Offenbarung Gottes und die Führung der Propheten fehlen würde, so wäre weder seine Selbsterkenntnis noch Bildung und Weiterentwicklung möglich. Der Mensch wird in den göttlichen Büchern als das höchste Lebewesen beschrieben. Doch diese Erhabenheit hat erst eine Bedeutung, wenn der Mensch sich bewusst ist, dass er ein Geschöpf unter anderen ist und ebenfalls von Gott erschaffen wurde. Dieses Bewusstsein setzt voraus, dass der Mensch mit dem Schöpfer kommuniziert und seine Nähe fühlt.

Der Koran behandelt folgende Themen, die direkt mit dem Menschen zu tun haben: die Schöpfung des Menschen; der Sinn seiner Schöpfung; seine Verantwortung; seine Stellvertreterschaft und Treuhänderschaft;,die Faktoren, die den Menschen bei der Charakterbildung beeinflussen; angeborene Schwächen; die Eigenschaften eines guten, idealen und rechtschaffenen Menschen; die Eigenschaften eines schlechten Menschen.

Im Koran wird die Schöpfung des Menschen in zwei Kategorien unterteilt. Zum ersten die Erschaffung des Propheten Adam (as) aus Erde, womit zugleich die Erschaffung des ersten Menschen aus dem Nichts erzählt wird. Über den Erschaffungsprozess des Propheten Adam gibt es verschiedene Verse, die auch die verschiedenen Stadien bis zu seiner Menschwerdung beschreiben. „Zu seinen Zeichen gehört auch, dass er euch aus Staub erschaffen hat. Dann wurdet ihr Menschen, die sich verbreiteten.“ (Sure Rûm, [30:20]) Die zweite Kategorie beschreibt die Vermehrung des Menschen aus Adam (as) und Eva. „Siehe, wir erschufen den Menschen fürwahr aus einem Tropfen Samen, der sich (mit der Eizelle) vermischt, um ihn zu prüfen. Und wir gaben ihm Gehör und Augen.“ (Sure Insân, [76:2])


Da der Mensch ein Wesen mit Verstand, Wissen, einem Willen, Leib und Seele ist, muss seine Schöpfung einen Sinn haben. Der Mensch muss ein Leben führen, bei dem er seine materielle und geistige Seite im Gleichgewicht halten kann. Ferner kann der Mensch nur dann glücklich sein, wenn sein Leben dem Schöpfungsgrund entspricht. Denn der Mensch wurde mit der Verpflichtung erschaffen, gemäß dem Willen Gottes zu leben.1

Und die Dschinn und die Menschen habe ich nur dazu erschaffen, dass sie mir dienen.“ (Sure Zâriyât, [55:56]) Hier sind nicht nur Gottesdienste wie das Gebet (Salâh), das Fasten (Sawm) usw. gemeint. Daher ist die Lesart des Verses, dass Menschen und die Dschinn nur geschaffen wurden, um zu beten, fasten und Allah zu gedenken, nicht zutreffend. Der vollständige Sinngehalt besagt, dass die Menschen und die Dschinn niemanden außer Allah anbeten sollen, also vor niemandem außer vor Allah niederknien sollen. Sie sollen nur seine Gebote befolgen und bei niemand anderem als ihm Zuflucht suchen. 2

Die Verpflichtung des Menschen: Das ihm Anvertraute (Amana)


Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das für seine Taten selbst verantwortlich ist. Diese Verpflichtung geht auf seine Akzeptanz des ihm Anvertrauten (Amana) zurück. Die Fähigkeit ein soziales System zu errichten, welches auf Moral und Gerechtigkeit basiert, wird im Koran als das „Anvertraute“ bezeichnet. 3


„Siehe, wir boten die Verantwortung den Himmeln und der Erde und den Bergen an, doch weigerten sie sich, sie zu tragen, und schreckten davor zurück. Der Mensch lud sie sich jedoch auf; denn er überschätzt sich und ist eingebildet.“ (Sure Ahzâb, [33:72]) In diesem Vers wird Folgendes impliziert: Das Anvertraute ist so schwer und wichtig, dass selbst der Himmel, die Erde und Berge, die  auf dem ersten Blick größer, stärker und widerstandsfähiger als der Mensch erscheinen, es zu tragen nicht in der Lage sind. Der Mensch nahm das Anvertraute trotz dieser Schwere und Wichtigkeit auf sich. Warum wird der Mensch als eingebildet und überheblich bezeichnet? Weil er sich der Fähigkeit, dieses Anvertraute zu tragen, nicht bewusst ist. So ist er erfolglos darin. Daher sollte der Mensch nicht unwissend sein; er muss sich seiner Identität, seinen Fähigkeiten und sich der Amana bewusst sein. Die Unkenntnis diesbezüglich zeugt von großer Ignoranz.


Als ein religiöser Ausdruck wurden dem Begriff Amana viele Bedeutungen zugewiesen, unter anderem „Tawhîd“, Gerechtigkeit (Adl), Lesen und Schreiben, Verstand und Verantwortlichkeit. All dies kann mit der Verantwortung des Menschen, die sich an dem Verstand und dem eigenen Willen anlehnt, umschrieben werden. Abgesehen vom Menschen lebt jedes Lebewesen genauso wie es vom Schöpfer „programmiert“ wurde und kann seine Verhaltensweise, die ihm von der Natur vorgegeben wird, nicht ändern. Deswegen werden diese Lebewesen nicht für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen. Was den Menschen angeht, so besitzt er Verstand, ist lernfähig und in der Lage, seine Entscheidungen und sein Verhalten zu ändern. 4


Der Mensch, der im Koran seinen Existenzgrund und seine Verantwortung lernt, wird gleichzeitig über die Aspekte, die seine Persönlichkeit ausmachen, aufgeklärt. Der Instinkt, das Gemüt, das Herz, die Seele, der Verstand, der Teufel, Ethik, Erziehung, Familie und das soziales Umfeld gehören zu den Aspekten, die den Charakter des Menschen formen.


Die Schwächen des Menschen und seine „Ausrichtungen”


Der Mensch kommt mit diversen Schwächen auf die Welt. Der Koran berichtet von den Schwächen, die sich auf die Persönlichkeit des Menschen auswirken. Der Mensch ist voreilig, er ist schwach gegenüber seinen Trieben. Er ist habgierig und strebt nach Materiellem, sein Wissen ist begrenzt, er ist geizig, undankbar, grausam, er fällt leicht in Hoffnungslosigkeit und neigt zur Streitsucht. All diese Schwächen und das Maß, in dem diese bei dem Menschen vorhanden sind, machen seinen Charakter aus.


Muslime, die sich dieser Schwächen bewusst sind und ihr Leben danach gestalten, gehören zu den rechtschaffenen Menschen, die im Koran Erwähnung finden. Diese werden nicht nur bloß erwähnt, sondern mit ihren Besonderheiten beschrieben. Sie besitzen Gottesfurcht (Takwâ) und Aufrichtigkeit (Ihsân), sie sind sich ihrer Verpflichtung zum Gehorsam und zur Ausübung der Gottesdienste (pl. Ibâdât) bewusst, sie zeigen Dankbarkeit (Schukr), suchen Unterstützung bei Allah, sie zeigen Reue (Tawba) für ihre Sünden und bitten um Vergebung, sie wenden sich Gott zu, sie spenden um Gottes willen, wetteifern in der Verrichtung von guten Taten, empfehlen das Gute und verbieten das Schlechte. Sie wenden sich von Nutzlosem ab, sie sind ihrem Glauben und ihren Werten treu, sie beweisen Geduld (Sabr) angesichts der Prüfungen des Lebens, sie sind bescheiden, würdevoll, sie lassen sich nicht von ihrer Wut beherrschen, sie sind barmherzig, so wie sie versuchen ihr eigenen Triebe zu kontrollieren, wollen sie auch die Menschheit verbessern, sie sind tugendhaft und sind bereit, alles aufzugeben, um das Wohlgefallen Gottes zu erreichen.

Auf der anderen Seite werden im Koran auch die Eigenschaften des Ungläubigen (Kâfir), des Heuchlers (Munâfik), des Polytheisten (Muschrik), des Tyrannen (Zâlim) und des Sünders (Fâsik) beschrieben. Diese zeichnen sich durch ihre Zügellosigkeit, Verdorbenheit, Maßlosigkeit, ihrem Hang zur Verschwendung und Grausamkeit aus. Sie sind eingebildet, prahlen mit sich selbst und ihren Taten, sie sind verzogen, stolz, Prahler und Schwindler, die ihr Wort nicht halten. Sie sind hinterlistig, niederträchtig, sie gebieten das Schlecht und versuchen vom Gute abzuhalten, sie sind streitsüchtig, verändern die heiligen Bücher, verspotten ihre Mitmenschen, sie sind ambivalent in ihrem Glauben, materiell und habgierig, verschwenderisch, geizig, misstrauisch, ignorant und oberflächlich.


Angesichts dieser Schwächen ist der Mensch nicht sich selbst überlassen. Der Mensch, der von Natur aus eine Neigung zum Rechten und Wahren hat, liegt das Gute in seiner Natur, so dass er angesichts von Übel und Schlechtem Ruhelosigkeit und Unbehagen empfindet. Der Glaube ist mit der göttlichen Liebe vereint. Menschen, die Gottes Nähe und seine Liebe in ihren Herzen spüren, wird die Lebensprüfung vereinfacht. Somit werden jene, die ihr Leben der göttlichen Botschaft und der Leitung des Propheten entsprechend führen, die ewige Glückseligkeit erreichen.

Quelle:igmg


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