Goethe als Muslim (1/2)


Ein Vortrag mit dem Titel: „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident. Goethes Blick auf die Islamische Welt“ gehalten von Prof. Katharina Mommsen

Das Beweismaterial

Goethe und das Christentum

Goethe sagte zum Ende seines Lebens: „Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche.“ (Eckermann, 11.3.1832)

In seinem „West-Östlichen Divan“ betont Goethe den Wert des kostbaren gegenwärtigen Augenblickes anstelle der christlichen Haltung des Wartens auf die nächste Welt und damit der Erniedrigung all dessen, was Gott dem Menschen in jedem Augenblick seines Lebens gibt. Goethe lehnt das christliche Bild von Jesus ab und bestätigt die Einheit Allahs in einem Gedicht seines „West-Östlichen Divans“:

Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
Kränkte seinen heil’gen Willen.
Und so muß das Rechte scheinen
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.

(WA I, 6, 288 ff)

Neben Jesus und Muhammad – möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben! – nennt Goethe in den folgenden Versen auch Abraham, Moses und David als Repräsentanten der Einheit Gottes. Es ist eine bekannte Tatsache, dass Goethe eine starke Abneigung gegen das Symbol des Kreuzes empfand. Er schrieb:

Und nun kommst du, hast ein Zeichen
Dran gehängt, das unter allen …
Mir am schlechtesten will gefallen
Diese ganze moderne Narrheit
Magst du mir nach Schiras bringen!
Soll ich wohl, in seiner Starrheit,
Hölzchen quer auf Hölzchen singen?
…“

Und sogar noch stärker:
Mir willst du zum Gotte machen
Solch ein Jammerbild am Holze!

Auch in „Wilhelm Meisters Wanderjahre “ (Buch 2, Kap. 2) schrieb Goethe ziemlich unverblümt, dass es eine „verdammungswürdige Frechheit [sei], mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu spielen.“ Man solle eher „einen Schleier über diese Leiden ziehen.“ Schließlich bezeichnet Goethe im Siebenschläfer-Gedicht des „West-Östlichen Divan“ Jesus als Propheten: „Ephesus gar manches Jahr schon, / Ehrt die Lehre des Propheten / Jesus. (Friede sei dem Guten!) (WA I, 6, 269)

Goethe und Islam

Als junger Mann wollte Goethe Philologie bzw. Arabistik studieren – sein Vater bestand jedoch auf dem juristischen Studium; zeitlebens bewunderte er die ersten Arabienreisenden (Michaelis, Niebuhr) und las fasziniert alles, was sie über ihre Reisen veröffentlichten.

Als Goethe 1814/1815 seinen „Divan“ verfasste, hatte er sich mit den Professoren für Orientalistik Paulus, Lorsbach und Kosegarten (Jena) im Lesen und Schreiben des Arabischen geübt. Nachdem er arabische Handschriften gesehen und vom Qur’an erfahren hatte, empfand er eine große Sehnsucht, Arabisch zu lernen. Er kopierte eigenhändig kurze arabische Bittgebete (Du’as) und schrieb: „In keiner Sprache ist vielleicht Geist, Wort und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert.“ (Brief an Schlosser, 23.1.1815, WA IV, 25, 165)

Im Alter von siebzig Jahren schreibt Goethe (Noten und Abhandlungen zum West-Östlichen Divan, WA I, 7, 153), dass er beabsichtige, „ehrfurchtsvoll jene heilige Nacht [zu] feiern, wo der Koran vollständig dem Propheten von obenher gebracht ward“ Er schrieb auch: „[es] darf sich über die große Wirksamkeit des Buches niemand verwundern. Weshalb es denn auch von den echten Verehrern für unerschaffen und mit Gott gleich ewig erklärt wurde.“ und fügte hinzu: „so wird doch dieses Buch für ewige Zeiten höchst wirksam verbleiben“ (WA I, 7, 35/36)

Bis auf den heutigen Tag besitzen wir die Handschriften seiner ersten intensiven Qur’an-Studien aus den Jahren 1771/1772 sowie auch der späteren. Goethe las den Mitgliedern der Herzogsfamilie von Weimar und ihren Gästen die deutsche Übersetzung des Qur’an von J. Hammer (vermutlich auch die prosaischere englische Übersetzung von G. Sale) laut vor. Als Zeugen berichten Schiller und seine Frau über diese Lesungen. (Schillers Brief an Knebel vom 22.2.1815)

Stets empfand Goethe die Mängel aller Übersetzungen des Qur’an (der lateinischen, englischen, deutschen und der französischen) und suchte unaufhörlich nach neuen Ausgaben. In seinem sagt er:

Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag‘ ich nicht! …
Daß er das Buch der Bücher sei
Glaub‘ ich aus Mosleminen-Pflicht

(WA I, 6, 203)

Er studierte arabische Handbücher, Grammatiken, Reisebeschreibungen, Dichtung, Anthologien, Bücher über die Lebensgeschichte (Sira) des Propheten – möge Allah ihn segnen und ihm Frieden gewähren! – und pflegte einen umfangreichen Austausch mit Orientalisten aus ganz Deutschland. Goethe schätzte die deutsche Übersetzung von Hafis‘ „Diwan“ (Mai 1814) und studierte die verschiedenen Qur’an – Übersetzungen seiner Zeit. All dies inspirierte ihn, seinen eigenen „West-Östlichen Divan“ zu verfassen, der selbst wiederum viele Gedichte enthält, die eindeutig durch den Qur’an angeregt wurden und sich auf verschiedene seiner Ayats beziehen (siehe Mommsen, 269-274). Goethe kaufte alte arabische Handschriften von Rumi, Dschami, Hafis, Saadi, Attar, Qur’an-Tafsir, verschiedene Segenswünsche (Du’as), ein Arabisch-Türkisches Wörterbuch, Texte über Angelegenheiten wie die Befreiung von Sklaven, das Kaufen und Verkaufen, Zins, Wucher sowie originale Handschriften von Sultan Selim. Goethe betrachtete es nicht als bloßen Zufall, sondern vielmehr als bedeutsame Ereignisse, ja als Teil seines Schicksals und Zeichen von Allah, daß:

– ihm im Herbst 1813 von einem aus Spanien heimkehrenden Soldaten eine alte arabische Handschrift gebracht wurde, die die letzte Sure (114) des Qur’an enthielt. Später versuchte Goethe sie mithilfe der Professoren in Jena eigenhändig zu kopieren, die ihm auch dabei halfen, den Inhalt der Handschrift zu ermitteln.

– er im Januar des Jahres 1814 einem Freitagsgebet von Muslimen, Baschkiren aus der russischen Armee des Zaren Alexander, im protestantischen Gymnasium Weimars beiwohnte. Im Brief an Trebra vom 5.1.1814 (WA IV, 24, 91) schreibt er: „Da ich von Weissagungen rede, so muß ich bemerken, daß zu unserer Zeit Dinge geschehen, welche man keinem Propheten auszusprechen erlaubt hätte. Wer durfte wohl vor einigen Jahren verkünden, daß in dem Hörsaale unseres protestantischen Gymnasiums mahometanischer Gottesdienst werde gehalten und die Suren des Korans würden hergemurmelt werden, und doch ist es geschehen, wir haben der baschkirischen Andacht beygewohnt, ihren Mulla geschaut, und ihren Prinzen im Theater bewillkommt. Aus besonderer Gunst hat man mir Bogen und Pfeile verehrt, die ich, zu ewigem Andenken, über meinen Kamin, aufhängen werde, sobald Gott diesen lieben Gästen eine glückliche Rückkehr bestimmt hat.““ In einem Brief vom 17.1.1814 (WA IV, 24, 110) an seinen Sohn August fügt er hinzu: „Mehrere unserer religiösen Damen haben sich die Übersetzung des Korans von der Bibliothek erbeten.“

Goethes positive Einstellung gegenüber dem Islam geht weit über alles bisherige in Deutschland hinaus. Am 24.2.1816 veröffentlichte er folgenden Satz: „Der Dichter (Goethe) … lehnt den Verdacht nicht ab, daß er selbst ein Muselmann sei.“ (WA I, 41, 86)

In einem Gedicht seines „Divan“ sagt Goethe:

Närrisch, daß jeder in seinem Falle
Seine besondere Meinung preist!
Wenn Islam Gott ergeben heißt,
In Islam leben und sterben wir alle.

(WA I, 6, 128)

Neben seiner Faszination für die Sprache des Qur’an, ihre Schönheit und Erhabenheit, empfand Goethe eine große Anziehung für seine religiöse und philosophische Bedeutung: die Einheit Gottes, sowie die Überzeugung, dass Gott sich in der Natur, in der Schöpfung offenbare, ist eines der zentralen Themen in Goethes Werk.

Während seiner ersten intensiven Qur’an-Studien in den Jahren 1771/1772 kopierte und verbesserte Goethe teilweise den Text der ersten direkten Qur’an-Übersetzung aus dem Arabischen ins Deutsche. Goethe notierte verschiedene Ayats des Qur’an, die dem Menschen zeigen, wie er die Natur in all ihren Erscheinungsformen betrachten möge: als Zeichen göttlicher Gesetze. Die Vielfalt der Phänomene weist hin auf den Einen Gott. Die Bezugnahme auf die Natur, wie der Qur’an sie darstellt, verbunden mit der Lehre von der Güte und Einheit Gottes, die Goethe in den Ayats aus der zweiten Sure (Al Baqara) des Qur’an kennenlernte, wurden zu den Hauptpfeilern, auf denen seine Sympathie und Affinität zum Islam beruhen sollten. Er sagte, wir sollten „Gottes Größe im Kleinen“ erkennen und bezieht sich dabei auf das Ayat 25 aus der zweiten Sure des Qur’an, wo das Bild der Fliege gegeben wird.




Quelle:www.way-to-allah.com


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