Die Vorhaut-Ausstellung lässt Fragen offen

Hier wird ein Brauch verkürzt: Die Ausstellung „Haut/ab!“ im Jüdischen Museum Berlin zeigt Werkzeuge zur Penisbeschneidung und deren lange Tradition in Judentum, Islam und Christentum.

 

 

Eigentlich geht es nur um ein paar Millimeter menschlichen Gewebes. Die Größe der Vorhaut steht in keinem nachvollziehbaren Verhältnis zu der ihr beigemessenen Bedeutung. Ob sie da ist oder nicht, entscheidet für Moslems und Juden über religiöse Gruppenzugehörigkeit und den Bund mit Gott.

 

Daher sorgte die später revidierte Entscheidung des Kölner Amtsgerichts von 2012, das in der rituellen Beschneidung eines Jungen eine „einfache Körperverletzung“ sah, für Aufregung. Zwei Jahre nach der Debatte nimmt sich eine Sonderausstellung im Jüdischen Museum Berlin mit dem Titel „Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung“ des Themas an. Die Ausstellung lässt jedoch nicht die Argumente der öffentlichen Diskussion Revue passieren, sondern zeigt die lange Tradition der Beschneidung in Judentum und Islam.

 

Gleich am Eingang zeigt eine Karte der Weltgesundheitsorganisation, dass derzeit rund ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung beschnitten ist. Dass es sich bei der Beschneidung um eine Jahrtausende alte Praxis handelt, machen Gegenstände deutlich: Eine mannshohe Menschenfigur aus Kalkstein etwa, angefertigt in Ägypten 2400 Jahre vor unserer Zeitrechnung – ganz ohne Vorhaut, versteht sich. Oder ein Set modernen Einmalbestecks zur hygienischen Beschneidung aus Israel, Hygienetücher, Saugröhrchen, Vorhautklemme, Schere und Behälter für die Vorhaut inklusive.

 

Es mangelt an Inhalten

 

Auch für den Islam belegen Gegenstände, dass die Beschneidung über eine lange Tradition verfügt. So sind etwa festliche Kleidungstücke zu sehen, die Jungen zu dem Anlass von Tunesien bis China anziehen. Anders als im Judentum, das eine Beschneidung acht Tage nach der Geburt vorschreibt, werden Kinder im Islam noch bis ins Alter von etwa zehn Jahren beschnitten. Auch die Bedeutung der Beschneidung im Christentum wird dokumentiert. So wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in vielen Kirchen das „Fest der Beschneidung des Herrn“ am 1. Januar gefeiert.

 

Woran es der relativ kleinen Ausstellung mangelt, sind Inhalte. Gerne würde man mehr über die Bedeutung der Beschneidung im Islam erfahren, die kurzen Texte in der Schau geben dazu wenig Auskunft. Dem Katalog lässt sich entnehmen, dass die Beschneidungspraxis im Islam je nach Tradition mit verschiedenen Ereignissen in Verbindung gebracht wird. So gibt es die Überlieferung, dass Adam als erster Mensch bereits beschnitten geboren wurde und der Prophet Mohammed selbst entweder von seinem Großvater beschnitten wurde oder bereits ohne Vorhaut zur Welt kam. Die Ausstellung belegt zwar nachdrücklich die kulturelle Bedeutung der Beschneidung für Moslems und Juden. Zu einem tieferen Verständnis dieser Praxis verhilft sie aber kaum.

Bis 1. März 2015

Foto: © William Gross / The Gross Family Collection,Tel Aviv Mit Grandezza: Silbernes Beschneidungsmesser, Italien ca. 1800

www.welt.de von Jan Schapira

So ist es im Islam

 

Schon vor dem Islam war die Beschneidung ein Brauch der Araber. Es gibt Überlieferungen, welche aber schwach sind was die Glaubwürdigkeit betrifft, nach denen der Prophet Muhammad ﷺ bereits beschnitten geboren wurde oder wonach er vom Engel Gabriel beschnitten wurde. Es ist aber wahrscheinlicher, dass sein Großvater `Abd al-Muttaalib ihn beschnitt, so wie es damals üblich war.

 

Es ist im Islam empfohlen, die Beschneidung am 7 Tag nach der Geburt vorzunehmen. Es gibt aber auch Muslime, die dies nach ihrer Tradition erst später machen, manchmal erst zu Beginn der Pubertät.

 

Für Männer, die zum Islam konvertieren, ist es keine Pflicht, sich beschneiden zu lassen. Sie können selber entscheiden, ob sie es wollen oder nicht und solange keine persönlichen oder medizinischen Gründe dagegen sprechen, werden sie es in Anbetracht der Vorteile wohl machen lassen.

 

Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: „Ibrahim (Abraham), Allahs Friede auf ihm, vollzog die Beschneidung erst nach seinem achtzigsten Lebensjahr, indem er diese mit einer Axt vornahm.“ (Sahih Al-Bukhari)

 

Die Beschneidung ist – ausgehend von Abraham, Allahs Friede auf ihm, ein uraltes Gebot in den Offenbarungsreligionen. Im Judentum ist bekannt, dass „alles, was männlich ist, beschnitten werden soll“ (siehe 1. Mose, Kap. 17). Die Bibel (1. Mose, 21) spricht auch von der Beschneidung Isaaks. Dieses Gebot wurde bei Jesus, Allahs Friede auf ihm, durchgesetzt (Lukas 2, 21), und gilt auch damit als ein Gebot des Christentums. Erst im Jahre 49 nach Jesus, Allahs Friede auf ihm, entschied das Konzil: „Wer zum Christentum übertritt, braucht sich nicht beschneiden zu lassen.“ Damit wurde von einer Menschenwillkür – wie viele andere Veränderungsbeispiele durch die christlichen Kirchen – ein göttliches Gebot aufgehoben. Als aber das christliche Europa gemerkt hat, dass bei ihnen der Penis- und Gebärmutterkrebs häufig vorkommt, während dieser bei Juden und Muslimen (,die das Gebot der Beschneidung einhalten,) selten ist, ja so gut wie unbekannt, wurden sie wach, nicht im religiösen Sinne, sondern im wissenschaftlichen Sinne: Sie lassen die Vorhaut aus medizinischen und hygienischen Gründen (manchmal auf Kosten der Krankenkasse) entfernen.

Admin


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