Laylat Al-Qadr – Wenn eine Nacht Tausend entspricht

Es ist überliefert, dass in der Zeit, als Musa alayhi Salam mit dem Volk Israel in der Wüste unterwegs war, eine schwere Dürre herrschte. Alle zusammen haben sie die Hände zum Himmel erhoben und um einen segensreichen Regen gebeten. Aber zum Erstaunen von Musa und all denen, die zuschauten, haben sich die wenigen am Himmel verstreuten Wolken verzogen und die Sonne brannte nieder, so dass die Dürre noch zunahm.

Dann wurde Musa offenbart, dass sich im Volk Israel ein Sünder befand, der Allah während vierzig Jahren ungehorsam war. „Er soll sich von der Gemeinschaft trennen,“ sagte Allah zu Musa, „erst dann werde Ich euch allen den Regen geben.“

So hat Musa zu der Menschenmenge gesprochen. „Es gibt unter uns eine Person, die Allah während vierzig Jahren ungehorsam war. Sie soll sich von der Gemeinschaft trennen, erst dann werden wir von der Dürre erlöst werden.“ Dieser Mann wartete, schaute nach rechts und nach links, in der Hoffnung jemand anderes würde aufstehen, aber es gab niemanden. Der Schweiß tropfte von seiner Stirn; er wusste, dass er derjenige war.

Er war sich bewusst, dass wenn er in der Gemeinschaft blieb, alle vor Durst sterben würden und wenn er sich entfernte, er für alle Ewigkeit erniedrigt war.

So erhob er seine Hände in einer Aufrichtigkeit, wie er sie nie vorher kannte, mit einer Demut, die er noch nie spürte und Tränen liefen über seine Wangen als er sagte: „O Allah, sei barmherzig mit mir! O Allah, bedecke meine Sünden! O Allah, vergib mir!“

Während Musa und die Leute vom Volk Israel darauf warteten, dass der Sünder aufstehen würde, bedeckten Wolken den Himmel und der Regen ergoss sich. Musa fragte Allah: „O Allah, Du hast uns den Regen geschenkt, obwohl der Sünder uns nicht verließ.“ Und Allah antwortete: „O Musa, wegen der Reue dieser Person habe Ich dem ganzen Volk Israel Regen geschenkt.“

Musa wollte wissen, wer denn diese Person war und sagte: „Zeig mir diese Person, o Allah!“ Allah antwortete: „O Musa, Ich habe ihre Sünden während vierzig Jahren bedeckt, glaubst du, dass Ich sie nach ihrer Reue entlarven werde?“

Allah offenbarte den Koran in dem segenvollsten Monat, dem Monat Ramadan, in dem der Koran niedergesandt wurde.

Die segenreichste Nacht, die Nacht der Nächte: Laylatul-Qadr: „Wahrlich, Wir haben ihn (den Koran) ja in der Nacht der Bestimmung (Al-Qadr) hinabgesandt.“ (Der edle Koran 97:1)

Ibn Jareer berichtete von Mujahid Radiallahu anhuma, dass ein Mann vom Volk Israel jeweils die Nacht im Gebet verbrachte. Am Morgen fing er an, gegen die Feinde Allahs anzukämpfen und tat dies den ganzen Tag bis zum Abend – während tausend Monaten.

Dann offenbarte Allah die Sura: „Wahrlich, Wir haben ihn (den Koran) ja in der Nacht der Bestimmung (Al-Qadr) hinabgesandt. Und was lässt dich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate. (Koran 97:1-3)

Das bedeutet, dass das Gebet in dieser Nacht mehr Wert ist, als alles was der Mann tat.

Sufyan at-Thawri überliefert von Mujahid Radiallahu anhuma, dass Laylatul-Qadr besser ist als tausend Monate, in dem Sinne, dass die guten Taten, das Fasten und Gebete verrichten in dieser Nacht mehr Wert sind. (Ibn Jareer)

Abu Huraira Radiallahu anhu berichtete, dass der Gesandte Allahs ﷺ sagte: „Der Monat Ramadan ist da, ein gesegneter Monat, in dem Allah für euch das Fasten zur Pflicht gemacht hat; die Tore des Paradieses wurden geöffnet und die Tore der Hölle geschlossen und die Teufel in Ketten gelegt. In ihm gibt es eine Nacht besser als tausend Monate; wer die Belohnung dafür verpasst hat, der hat etwas Unersetzbares verpasst.“ (Imam Ahmad und An-Nasa`i)

Diese eine Nacht ist wertvoller als 30`000 Nächte. Der aufrichtige Gläubige, der sich Tag und Nacht Sorgen macht, wegen seiner Sünden und seiner zeitweiligen Nachlässigkeit, erwartet geduldig das Eintreffen des Ramadan. Dann hofft er auf die Vergebung Allahs für die gemachten Sünden, wohl wissend, dass der Prophet ﷺ versprochen hat, dass demjenigen seine Sünden vergeben werden, der die letzten Tagen mit Ibada (Gottesdienst) verbringt. Darum erinnert sich der Gläubige an die verschiedenen Ermahnungen des Propheten  und seine Worte, wie sich bemühen, anstreben, suchen und sich anstrengen in Laylatul-Qadr.

Laylatul-Qadr ist die gesegnetste Nacht. Wer sie verpasst, hat wirklich eine Menge Gutes verpasst. Der Mu`min (Gläubige) sucht sie in den letzten zehn Nächten im Ramadan und verbringt sie mit Ibada (Gottesdienst).

Das Geschenk für denjenigen, der diese Gelegenheit nutzte, ist die Vergebung der begangenen Sünden.

Der Gesandte Allahs ﷺ machte uns vor, mit was wir uns in dieser einmaligen Nacht beschäftigen sollten. Aus seiner Sunna kennen wir das Folgende:

Qiyam (Nachtgebete)

Es ist empfehlenswert, in den Nächten wo Laylatul-Qadr erwartet werden kann, lange Gebete zu machen. Dafür sprechen viele Hadithe, beispielsweise:

Abu Huraira Radiallahu anhu berichtete, dass der Prophet ﷺ sagte: „Wer die Nacht von Al-Qadr im Gebet verbrachte, *aus reinem Glauben und in der Hoffnung auf Allahs Belohnung, dem werden all seine Sünden vergeben.“ (Al-Bukhari und Muslim)

*Bei Ahmad gibt es eine Ergänzung bei der Überlieferung von Ubadah Bin as-Samit: und es wurde ihm leicht gemacht … Das bedeutet, dass es ihm vergönnt war, in dieser gesegneten Nacht unter den aufrichtigen Dienern zu sein.

Dua (Bittgebete)

Es wird von A`ischa Radiallahu anha berichtet: „Ich fragte, o Gesandter Allahs, wenn ich Laylatul-Qadr erkenne, was soll ich dann sagen?“ Er lehrte sie zu sagen: „Allahumma innaka `afuwwun tuhibbul `afwa fa`fu `annii“ – „O Allah, Du bist der Vergebende und Du liebst die Vergebung, also vergib mir.“ (Imam Ahmad, At-Tirmidhi, Ibn Majah. Ein starker Hadith.)

Verzicht auf weltliche Vergnügen zugunsten von Ibada

Es ist auch empfehlenswert, in den Nächten, in denen Laylatul-Qadr erwartet wird, mehr Zeit mit Ibada zu verbringen. Es ist besser, auf die weltlichen Vergnügen zu verzichten, um diese Zeit Allah zu widmen.

A`ischa Radiallahu anha berichtete: „Sobald die letzten zehn Tage bevorstanden, hat der Prophet ﷺ seinen Izar enger gebunden (d. h. er hat sich von seinen Frauen ferngehalten, um mehr Zeit für Ibada zu haben), die ganze Nacht im Gebet verbracht und auch seine Familie geweckt.“ (Al-Bukhari und Muslim)

Und sie sagte: „Der Gesandte Allahs ﷺ strengte sich in den letzten zehn Nächten mehr an mit Ibada, als in den übrigen.“ (Muslim)

Haben wir Allah richtig eingeschätzt?

Im Leben geht es darum, Gelegenheiten beim Schopf zu packen, daraus Vorteile zu erzielen und Allahs Liebe zu gewinnen. Laylatul-Qadr ist tatsächlich eine einmalige Chance dazu. Abu Dah Daah war einer, der die Gelegenheit nutzte und etwas gewann, dass wertvoller ist als die Himmel und die Erde. Ein Gefährte des Propheten ﷺ bewirtschaftete einen Garten neben dem Land eines Waisen. Der Waise erachtete eine spezielle Palme als zu seinem Land gehörend. Der Gefährte war damit nicht einverstanden und so beklagte sich der Waise beim Gesandten Allahs ﷺ. Mit seinem Gerechtigkeitssinn maß der Gesandte Allahs ﷺ die beiden Gärten und bestätigte, dass die Palme im Garten des Gefährten wuchs. Der Waise brach in Tränen aus und so schlug der Prophet ﷺ dem Gefährten vor: „Würdest du ihm diese Palme geben und dafür bekommst du eine Palme im Janna (Paradies)? Jedoch war der Gefährte so fassungslos, dass ein Waise sich beim Propheten ﷺ beklagte, dass er die Chance verpasste und ärgerlich davon lief.

Aber jemand anderes erkannte die Chance, nämlich Abu Dah Daah Radiallahu anhu. Er ging zum Propheten ﷺ und fragte ihn: „O Gesandter Allahs, wenn ich ihm diese Palme abkaufe und dem Waisen gebe, würde ich diese Palme im Janna erhalten?“ Der Gesandte Allahs ﷺ antwortete: „Ja“

Abu Dah Daah eilte zum Gefährten und fragte: „Gibst du mir diese Palme im Gegenzug zu meinem ganzen Garten?“ Der Gefährte antwortete: „Nimm sie, denn es ist nichts Gutes in einem Baum, wegen dem ich beim Propheten angeklagt wurde.“

Unverzūglich ging Abu Dah Daah nach Hause und traf seine Frau und die Kinder im Garten spielend. „Verlasst den Garten!“ rief Abu Dah Daah. „Wir haben ihn an Allah verkauft! Wir haben ihn an Allah verkauft!“ Einige seiner Kinder hielten Datteln in den Händen und er entriss sie ihnen und warf sie in den Garten zurück. „Wir haben ihn an Allah verkauft!“

Später, als Abu Dah Daah in der Schlacht von Uhud als Märyrer fiel, stand der Gesandte Allahs ﷺ neben seinem leblosen Körper und bemerkte: „Wie viele schattenspendende Palmen hat Abu Dah Daah jetzt im Janna?“

Was hat Abu Dah Daah verloren? Datteln? Gebüsch? Erde? Was hat er gewonnen? Er gewann einen Garten im Janna, im Ausmaß von den Himmeln und der Erde.

Abu Dah Daah hat die Gelegenheit nicht verpasst und ich bitte Allah, dass wir unsere Gelegenheit nicht verpassen werden, um in Layaltul-Qadr vor Allah zu stehen.

Liebe Brüder und Schwestern, wir gehorchen, dienen und ehren Allah nicht, wie es Seiner Majestät gebührt.

Allah offenbarte: Sie haben Allah nicht eingeschätzt, wie es Ihm gebührt´, wo die ganze Erde am Tag der Auferstehung in Seiner Hand gehalten wird und (auch) die Himmel in Seiner Rechten zusammengefaltet sein werden. Preis sei Ihm! Erhaben ist Er über das, was sie (Ihm) beigesellen. (Der edle Koran 39:67)

Alles was wir haben, gehört Allah. Wenn jemand stirbt sagen wir: Inna lillahi wa inna ilayhi raji’un – wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück. Dieses Dua (Bittgebet) passt nicht nur beim Verlust einer Seele. Es ist das passende Dua bei jedem Schicksalsschlag eines Gläubigen, selbst wenn ein Schnürsenkel reißt. Warum? Weil alles Allah gehört und alles zu Ihm zurückkehrt. Lasst uns die Gaben zählen, die uns Allah gibt. Wer hat schon versucht die Sterne zu zählen?

Und Er gewährte euch von allem, worum ihr batet. Wenn ihr die Gunst(erweise) Allahs aufzählen wolltet, könntet ihr sie nicht erfassen. Gewiss, der Mensch ist wahrlich sehr oft ungerecht und sehr oft undankbar. (Der edle Koran 14:34)

Wir haben den Wert dieses Koran, den wir zuoberst auf dem Bücherregal aufbewahren, nicht erkannt. Dieses edle Buch, das offenbart wurde, um die toten Herzen mit Leben zu erfüllen. Sogar wenn unsere Herzen steinhart wären, müssten sie zersplittern aus Furcht und Hoffnung vor Allahs Strafe und Barmherzigkeit. Kann es sein, dass unsere Herzen härter sind als Berge?

Wenn Wir diesen Koran (als Offenbarung) auf einen Berg hinabsendeten, würdest du ihn wahrlich aus Furcht vor Allah demütig werden und sich spalten sehen. Diese Gleichnisse prägen Wir den Menschen, auf dass sie nachdenken mögen. (Der edle Koran 59:21)

Liebe Brüder und Schwestern, wenn ihr in den letzten zehn Nächten die Moscheen für Qiyamul-Layl füllt, dann denkt daran, was Allah von euch als Wissen voraussetzt:

Wisset, dass Allah streng im Bestrafen, dass Allah (aber auch) Allvergebend und Barmherzig ist. (Der edle Koran 5:98)

Es wird eine Nacht kommen, nach dieser Nacht in unserem Leben werden wir entweder in Janna (Paradies) oder Jahannam (Hölle) aufwachen. Anas Ibn Malik Radiallahu anhu erbat im Sterbebett: „O Allah, bewahre mich vor einer Nacht, dessen Morgen die Reise ins Höllenfeuer bringt.“ Stellt euch diesen Morgen vor.

Friede wird sich in Laylatul-Qadr verbreiten bis zur Morgendämmerung. Möglicherweise kommt schon bald der Morgen, wo wir nach Fajr die Moschee verlassen und Allah uns vergeben hat.

Von Muhammad Al-Shareef

fastramadan.com

Übersetzt durch

Der wahre Islam


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert