Islam und die Neue Weltordnung 1/2

Die destruktiven Folgen eines Götzen genannt „Nation“ waren den religiösen Menschen schon immer bekannt und haben jetzt auch die Hoffnungen und Aspirationen der Säkularisten zerstört. Die Mächtigen der größten Nation der Welt – die einzige übrig gebliebene Supermacht – schreien nach einer neuen Weltordnung, nachdem das gerechte und friedliche System ihrer eigenen Nation sich als Farce entpuppt hat. Die Unruhen wegen Rodney King in Los Angeles haben Tatsachen der offenkundigen, sozio-ökonomischen Ungerechtigkeiten, allgegenwärtigen rassistischen Diskriminationen und des vollständigen Verlusts der religiösen Moralwerte ans Licht gebracht, welche die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erweckte, obwohl die Staatsführer alles versuchen, um dies wegzureden.

Den denkenden, erwachten und pflichtbewussten westlichen Gelehrten ist nun klar geworden, dass keine von Menschen erschaffene soziale Organisation gerecht und friedlich funktionieren kann, es sei denn sie basiert auf universalen religiösen Ethiken. Und so gibt es Bemühungen und den Ruf nach „Globaler Verantwortung: Auf der Suche nach einem Neuen Weltethos“ (so der Titel eines Buches von Hans Küng) mit der Schlussfolgerung von drei Grundstatements: „Kein Miteinanderleben der Menschen ohne Weltethik für die Nationen; kein Friede zwischen den Nationen ohne Frieden zwischen den Religionen; kein Friede zwischen den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.“

Aus Sicht des Islam erfolgte dieser Ruf weltweit in der abschließenden heiligen Schrift – dem edlen Koran – der lautet:

Sag: O Leute der Schrift, kommt her zu einem zwischen uns und euch gleichen Wort: dass wir niemandem dienen außer Allah und Ihm nichts beigesellen und sich nicht die einen von uns die anderen zu Herren außer Allah nehmen. (Koran 3:64)

Um die Wirkung des Islam auf irgendeine soziale und menschliche Organisation zu verstehen, ist es absolut notwendig, sich über die drei untrennbaren essenziellen Bedeutungen des Begriffs „Islam“ bewusst zu sein. Die erste und generische Bedeutung des Begriffs „Islam“ ist: die eigene Hingabe zum Einen und Einzigen Gott, Der alles Umfassende. Im Islam wird dies als „Din al-Fitra“ – Religio-Naturalis – bezeichnet. Das heißt, in ihrer ursprünglichen Natur ist die ganze Schöpfung mit ihrem Schöpfer verbunden.

Diese Beschreibung betont die totale Verschiedenheit der zwei Realitäten – der Schöpfer und die Schöpfung – auf dem essenziellen Prinzip des Tauhid, der Einzigartigkeit und Universalität von Allah und Seiner Erhabenheit und daraus ergibt sich auch das Prinzip der Gleichheit aller Menschen. Der erste Teil der Schahada (islamisches Glaubensbekenntnis) – Niemand verdient es angebetet zu werden außer Allah – zeigt als natürliche Basis für die universale Menschlichkeit die religiös-spirituellen Normen statt der physischen und materiellen Sachen. In der Sprache des Koran ergeben sich aus dem Sinn des Islam drei ewig gültige, universale religiös-moralische Normen, nämlich Tauhid (Monotheismus), al-Achira (das Jenseits) sowie `Amal Salih (gute Taten). Unsere Ausrichtung auf Allah, unsere Rechenschaftspflicht gegenüber Allah und unser Wert basierend auf unseren Handlungen, definiert jede Person zuerst und vor allem als Homo religiosus – ein religiöser Mensch – und dann als soziales Wesen. Daraus ergibt sich auch die Tatsache, dass man nicht mit sich selbst in Frieden sein kann, innerlich oder äußerlich, spirituell und körperlich, ohne sich ständig der eigenen Hingabe zu Allah bewusst zu sein.

Die zweite Bedeutung des Islam erklärt seine Bestimmung als die universale Religion – die vorbildliche und perfekte Form einer natürlichen Religion – vorgelebt durch die Propheten und echten Mystiker und Gläubigen während der ganzen religiösen Geschichte der Menschheit. Es bezieht sich auf diese Sichtweise des Islam, wenn im Koran alle Propheten als Muslime bezeichnet werden. Es bestätigt die Tatsache, dass es kein Volk gab, das nicht über die Rechtleitung Allahs durch eigene Warner in ihrer Sprache informiert wurde.

Jede Gemeinschaft hat einen Gesandten. Wenn nun ihr Gesandter kommt, wird zwischen ihnen in Gerechtigkeit entschieden, und es wird ihnen kein Unrecht zugefügt. (Koran 10:47)

Und Wir haben ja bereits in jeder Gemeinschaft einen Gesandten erweckt: „Dient Allah und meidet die falschen Götter.“ Unter ihnen gibt es manche, die Allah rechtgeleitet hat, und unter ihnen gibt es manche, an denen sich das Irregehen bewahrheitet hat. So reist auf der Erde umher und schaut, wie das Ende der Leugner war. (Koran 16:36)

Wir haben dich ja mit der Wahrheit gesandt als Frohboten und als Warner. Und es gibt keine Gemeinschaft, in der nicht ein Warner vorangegangen wäre. (Koran 35:24)

Die perfekte und abschließende Version dieses universalen Islam wurde in der heiligen Schrift des Koran und im beispielhaften Vorbild des letzten Gesandten Allahs – dem Propheten Muhammad ﷺ – verewigt.

Die dritte Bedeutung des Begriffs „Islam“ beschreibt ihn sowohl als historische als auch religiöse Tradition, wobei die islamische Tradition als Muster gilt für andere Religionen bzw. religiöse Traditionen. Obwohl die Anhänger der wahren, generischen und universalen Religion seit jeher an den unsprünglichen Prinzipien und Lehren festhielten, sind sie trotzdem gescheitert, diese in ihrem privaten und öffentlichen Leben umzusetzen. Das Bewusstsein dieser Scheiterung und Verbindlichkeit an die perfekte Vision von universalen religiösen Werten verpflichtet jeden wahren Gläubigen und Muslim sich für eine soziale Organisation von Menschen zu engagieren – einer menschlichen Gesellschaft, wo himmlische Gunst sich in den Handlungen der Menschen wiederspiegelt und wo himmlischer Friede natürlicherweise herrscht.

Durch seine natürliche und universelle Eigenschaft bietet der Islam uns zeitlose, unveränderbare und universale religiös-ethische Normen, als Basis für eine vorbildliche Gesellschaft, wo Gerechtigkeit und Friede, Fortschritt und Erfolg, Harmonie und Ruhe vorherrschen und wo die Himmel und die Erde und alles dazwischen in himmlischer Pracht und Perfektion lebt.

Das ist eine Herausforderung. Wie kann man diese universalen religiös-ethischen Normen umsetzen. Das letzte und perfekte Vorbild in der Geschichte ist die Gesellschaft von Madina, geführt vom Propheten Muhammad ﷺ und seinen rechtgeleiteten Kalifen (Führer), von der wir die ursprüngliche Bedeutung dieser Normen lernen und in unserem Leben anwenden können.

Der erste dieser universalen religiös-ethischen Werte ist die Gottesfurcht, treffender ausgedrückt mit dem islamischen Begriff aus dem Koran „Taqwa“. Diese Gottesfurcht kann weder eindoktriert noch durch bloße religiös-ethische Rituale und Übungen erreicht werden. Vielmehr ergibt sie sich durch das unabdingbare Sensus Numinos – Schöpfungsbewusstsein – durch Realisation seiner völligen Abhängigkeit von Allah und durch ein Leben in Liebe und zugleich in Furcht zu Ihm. „Der Glaube besteht zwischen Furcht und Hoffnung.“

Beim zweiten Prinzip geht es um Gleichheit und Gerechtigkeit. Die echte Gottesfurcht, wahre Religiosität und echte Spiritualität sind untrennbar von verbindlicher und praktizierter absoluten Gerechtigkeit. Bei einem Akt der Gerechtigkeit und Gleichheit sind alle Unterschiede von Klasse und Glaube, Rasse und Religion, Abstammung und Geschlecht, Nationalität und Rang ausgeblendet. Der deutliche Ruf der heiligen Schrift asseriert dieses Prinzip wie folgt:

Allah gebietet Gerechtigkeit, gütig zu sein und den Verwandten zu geben; Er verbietet das Schändliche, das Verwerfliche und die Gewalttätigkeit. Er ermahnt euch, auf dass ihr bedenken möget. (Koran 16:90)

Die Gläubigen werden immer wieder daran erinnert, dass Gottesfurcht und Gerechtigkeit untrennbar sind:

O die ihr glaubt, seid Wahrer (der Sache) Allahs als Zeugen für die Gerechtigkeit. Und der Hass, den ihr gegen (bestimmte) Leute hegt, soll euch ja nicht dazu bringen, dass ihr nicht gerecht handelt. Handelt gerecht. Das kommt der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah. Gewiss, Allah ist Kundig dessen, was ihr tut. (Koran 5:8)

Und nähert euch nicht dem Besitz des Waisenkindes, außer auf die beste Art, bis es seine Vollreife erlangt hat. Und gebt volles Maß und Gewicht in Gerechtigkeit. Wir erlegen keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag. Und wenn ihr euer Wort gebt, dann seid gerecht, auch wenn es um einen Verwandten geht. Und haltet euren Bund gegenüber Allah. Dies hat Er euch anbefohlen, auf dass ihr (es) bedenken möget! (Koran 6:152)

Zusammenfassung eines Vortrags an der Konferenz des „Institute of Islamic Unerstanding“ in Kuala Lumpur, Malaysia

Erstmals publiziert in der Frühlingsausgabe 1993 von „The American Muslim“.

von Prof. Ghulam Haider Aasi

theamericanmuslim.org

Übersetzt durch

Der wahre Islam


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