Auf den Spuren der ersten Muslime im Alpenraum 2/2

Islamische Zeitung: Wie hat die Kirche und deren damalige Führung reagiert? Man würde eigentlich Empörung vermuten…

Markus Klinkner: Man war empört, wie die Ode des späteren Bischofs Luitprand von Cremona überdeutlich aufzeigt. Wie in den Chroniksammlungen der Mainzer Akademie der Wissenschaften nachzulesen ist, beklagt sie in exzentrischen Worten, dass den frommen Christen die Alpen verwehrt und den maurischen Verbrechern übergeben wurden.

Anders als wenige Jahrzehnte danach in der Zeit der päpstlichen Kreuzzüge war die Kluft zwischen der Kirche und den Muslimen weniger religiös-polemisch und ein Zusammenleben war möglich und fand in den Alpen und Voralpengebieten auch statt. Zudem waren die Alpen zu einem großen Teil nicht christlich beziehungsweise katholisch, sondern autochthon heidnisch. Im Wallis wurde beispielsweise der Jupiterberg (heutiger Großer St. Bernhard) bis ins 15. Jhdt seinen Namen behielt angebetet.

Islamische Zeitung: Haben diese Muslime auf dem Gebiet der heutigen Schweiz nachweisliche Spuren hinterlassen?

Markus Klinkner: Ja. Nachdem bis vor wenigen Jahren noch wild über Ortschaftsnamen spekuliert wurde, stehen heute Ortschaften wie die Walliser Gemeinde Saas-Fee zu ihrer Geschichte und werben sogar mit ihrem sarazenischem Ursprung sowie ihren verschmolzenen Stammbäumen.

Erst vor ein paar Jahren wurde zudem erstmalig ein Gentests mit einem aus dem Wallis stammenden Schweizer gemacht und entsprechende sarazenische Spuren nachgewiesen. Dies freute mich sehr, da ich solche Tests schon lange forderte, denn sie können als Belege dienen.

Verschiedene Münzfunde, Wasserleitungen und andere sarazenische Bauten – aber auch Familiennamen bis hin zu Wappen und Flurnamen – müssen aus heutiger Sicht, wie auch weitere Indizien, ernst genommen und weiter untersucht werden. Zudem lassen sich in zahlreichen lokal aufbewahrten handschriftlichen Chroniken des 10. und 11. Jahrhunderts weitere Spuren wie Vertragsnennungen oder Datierungen sarazenischer Präsenz finden. Die Spuren führen quer durch die Schweiz von Graubünden im Osten bis an den Genfer See im Westen, vom Tessiner Südkanton bis vor das nördliche Basel und fügen sich nahtlos an die durch Primärquellen belegte Zeitspanne und ihre geografischen Verortung ein.

Islamische Zeitung: Schweizer sind ja auch im Ausland für einen eigenständigen, unabhängigen Charakter bekannt, der Wert auf Freiheit legt. Gibt im Charakter der Bevölkerung Elemente, die von den Sarazenen kommen könnten?

Markus Klinkner: Nein, das glaube ich nicht, denn die Schweizergeschichte besteht aus einem sehr bunten Völkergemisch, man denke nur an die Etrusker, Römer, Alemannen Hunnen, Kelten, Helvetier, Sarazenen oder Burgunder.

Schweizer unterscheiden sich zudem selbst wiederum regional beispielsweise kulturell, je nach Sprachregion oder den umgebenden Lebensraum sei dieser städtisch, ländlich oder alpin. Es wünscht sich doch jeder Mensch, frei und unabhängig zu sein, also nicht nur insbesondere die Schweizer.

Islamische Zeitung: Haben wir es mit einer wirklichen Neu-Entdeckung des Themas zu tun oder ist diese Episode des Alpenraumes längst bekannt?

Markus Klinkner: Die Aufarbeitung fand bislang nicht wirklich statt. Eine strukturierte wissenschaftliche Ausarbeitung von Belegen wurde nur sehr spärlich gemacht und man mischte Belege und Indizien oft durcheinander, sodass keine seriöse Arbeit entstehen konnte. Hinzu kommt eine überhebliche Polemik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in den Geschichtswissenschaften, die ein wissenschaftliche Aufarbeitung verhinderte.

Das Resultat waren dürftige Aussagen über eine wilde Horde von Sarazenen, die die Alpen überfielen vermischt mit spekulativen Diskursen über Sagen, Berg- und Ortschaftsnamen. Da man zudem fast ausschließlich Sekundärquellen verwendete, wurden frühere Wanderungen durch das Gebiet der heutigen Schweiz von Sarazenen im 9. Jahrhundert, aus Frankreich kommend, falsch zugeordnet. Die Unterscheidung der beiden sarazenischen Phasen wurde nicht gemacht und die übergeordneten Verhältnisse, die die Alpen als Enklave der andalusischen Khalifen erkennen lässt, fehlte ebenso wie eine umfassende Auswertung der zeitgenössischen Chroniken des ottonischen Kaiserreichs. Ebenfalls werden bestehende arabisch-sprachige Quellen bis dato vernachlässigt beziehungsweise scheinen unbekannt zu sein.

Aus dieser Perspektive heraus kann man nicht nur von einer Neuentdeckung sprechen, sondern von einer erstmaligen Grundlagenerarbeitung einer wichtigen Schweizer Phase im 10. Jahrhundert. Der Umstand, dass dies auch die Karten der muslimischen Geschichtsbeschreibung ändern muss, zeigt, dass es nicht nur die Schweizer Geschichte betrifft. Entsprechende Anfragen kamen bereits aus Kairo und Medina sowie von weiteren führenden muslimischen Historikern.

Islamische Zeitung: Nun sind heute ja einige Schweizer Politiker auf den Spuren der späteren Kreuzfahrer unterwegs. Wie würden Blocher & Co. reagieren, wenn man ihnen davon erzählt?

Markus Klinkner: Sicher mit Interesse. Gerade Herr Blocher ist sehr Geschichtsinteressiert, wie seine Ausführungen zum 500‑jährigen Gedenken zur Schlacht von Marignano zeigen. Zudem war er auch persönlich mit Geschichte konfrontiert, als man auf dem Areal seinen Unternehmens in Ems ein Massengrab aus dem späten 18. Jahrhundert fand.

Auch wenn ich die simplifizierten Lösungsvorschläge rechts-bürgerlicher Vertreter meist nicht teilen kann, erachte ich es als sportlich, die Meinung anderer zu respektieren und ihre Argumente als Herausforderung zu betrachten. Es waren meist radikale Ideen wacher Denker, die Weiterentwicklungen anstießen und direkt oder indirekt durch ihre Widerlegung den Fortschritt der Menschheit bewirkten auch, wenn sie zunächst irritierend oder gefährlich wirkten.

Islamische Zeitung: Ist das Thema der alpinen Sarazenen auch ein Symbol für einen anderen Umgang mit dem muslimischen Anteil der europäischen Geschichte.

Markus Klinkner: Der Umgang mit dem islamischen Beitrag unserer ethno-zentrisch geprägten europäischen Kulturgeschichtsschreibung benötigt per se einer dringenden Aufklärung und Aufarbeitung. Damit wird auch dieser kleine Teil der Geschichte symbolisch wichtig, da er insbesondere gemeinsame Wurzeln bis in die Familienstammbäume hinein aufzeigt anstelle einer isolierten widersprüchlichen Entwicklung.

Das Bild des Geschichtsunterrichts, dass nach den Römern und Germanen ein homogenes christliches Europas zeichnet ist augenscheinlich durch den europäischen Balkan bereits so nicht haltbar und damit auch die Vereinnahmung von Entwicklungen wie der Renaissance oder der Aufklärung und über 800 Jahre Geschichte des europäischen Westens, über 500 Jahre südlich der Alpen und bis heute im östlichen Europa werden leider kaum in ihren Kontext gebracht.

Dazu kommen unzählige weitere gemeinsame Epochen wie die der Tataren oder anderer muslimischer Bevölkerungsanteile in den europäischen Ländern.

Muslime waren und sind Teil dieses Kontinents und ihr Kultur- und Wissenschaftsbeitrag ist maßgebend für die europäische Entwicklung. Daher ist es eine gemeinsame Aufgabe, das revisionistische mittelalterliche Entwicklungs- und Geschichtsbild, das uns in Schulbüchern bis heute verfolgt, zu korrigieren.

islamische-zeitung.de


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